Krankheit mit vielen Gesichtern

Christian Schüle: "Frei bis in den Tod", ZEIT Nr. 33

In Ihrem Artikel über Sterbehilfe schreiben Sie: "Multiple Sklerose lässt das Leben versteifen. Aussicht auf Besserung gibt es nicht." Wissen Sie, was Sie damit bei den vielen jungen Menschen anrichten, die Dank der modernen Diagnostik manchmal schon als Abiturient erfahren, dass sie an MS erkrankt sind? Welche Schatten legen Sie damit auf die Zukunft MS-erkrankter Väter oder Mütter, die herausgefordert sind, ihre minderjährigen Kinder mit Kraft und Zuversicht zu erziehen?

Multiple Sklerose ist keine Erkrankung, die zwangsläufig in absolute Hilflosigkeit führt. Aus meiner mehr als zehnjährigen beruflichen Erfahrung kenne ich viele MS-Betroffene, die ohne sichtbare oder mit nur geringer Behinderung ganz normal als Arzt, Geschäfts- oder Hausfrau, Mutter, Apotheker oder Lehrerin arbeiten. Immer besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die Erkrankung zum Stillstand kommt, Schübe bilden sich in der Regel zurück. Nur ein Teil der MS-Betroffenen ist nach einem ungünstigen Krankheitsverlauf auf den Rollstuhl angewiesen oder pflegebedürftig.

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Nur bei wenigen Personen, die nach dem Jargon der Pflegeversicherung Pflege "rund um die Uhr benötigen", habe ich die in Ihrem Artikel erwähnten Zweifel an Sinn und Wert des Lebens erfahren. Wenn Zweifel und Verzweiflung auftreten, dann bestehen sie meist darin, den nächsten Angehörigen und der Gesellschaft zur Last zu fallen. Den meisten gelingt es aber mit der Zeit, mit Würde notwendige Hilfe anzunehmen, Schwäche und eventuellen körperlichen Verfall zu akzeptieren. Wir alle gaukeln uns etwas vor, wenn wir glauben, dass wir als nicht diagnostizierte, scheinbar Gesunde einer derartigen Entwicklung langfristig entgegentreten könnnen.

Multiple Sklerose bezeichnen Betroffene selbst als die "Krankheit mit vielen Gesichtern". Wie die meisten anderen chronischen Erkrankungen auch eignet sie sich nicht dazu, Sterbehilfe plakativ zu veranschaulichen.

Ruperta Mattern Heinersreuth

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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    • Schlagworte Krankheit | Sterbehilfe | MIT | Pflegeversicherung | Pflege | Kinder
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