Küssen und schlagen
Gewalt in der Erziehung ist weltweit noch immer verbreitet
Angeblich sind heute 90 Prozent aller deutschen Eltern für gewaltfreie Erziehung - im Prinzip jedenfalls. Denn der Begriff "gewaltfrei" ist dehnbar.
Immerhin 60 Prozent finden, dass sich "eine leichte Ohrfeige" mit diesem Prinzip durchaus vereinbaren lässt. "Ein kleiner Klaps", "ein Satz heiße Ohren", das sind die kleinen Erziehungshilfen, wenn gutes Zureden oder strenges Mahnen nichts fruchtet. Ist das nun schlimm oder halb so wild?
Auf alle Fälle ist es nachhaltig. Eine interkulturelle Studie mit Studenten unter anderem aus den USA, Großbritannien, Schweden, Finnland, Spanien, Argentinien, Malaysia und Südkorea ergab nicht nur, dass fast alle einmal Opfer elterlicher Übegriffe waren, sondern auch, dass viele von ihnen (besonders häufig diejenigen aus den USA, Kanada, Malaysia und Südkorea) körperliche Strafen für durchaus positiv halten. Ihr Nachwuchs hat also eine gute Chance, das Erbe der Väter und Mütter anzutreten, denn in den meisten Fällen greifen Eltern auf die Erziehungsmuster zurück, in deren Genuss sie selbst einst gekommen sind.
Die an der Temple University in Philadelphia durchgeführte Studie hatte noch ein weiteres bemerkenswertes Ergebnis. Jede Nation bewahrt bei der körperlichen Züchtigung ihre besondere Eigenart. In Finnland wird gern an den Haaren gezogen, in Malaysia eher gekniffen. Argentinier schütteln den Nachwuchs kräftig durch, Südkoreaner richten ihre Erziehungsarbeit vor allem auf Arme und Beine, während US-Eltern vorzugsweise Fußtritte oder Schläge kombinieren mit Hilfsmitteln wie Gürteln, Stöcken und Peitschen.
Gelegentliche Schläge seien dann nicht schädlich für die Kinderseele, wenn Eltern gleichzeitig das Gefühl von Liebe und Geborgenheit vermitteln, meint die angesehene US-Psychologin Diana Baumrind und stützt sich dabei auf eine von ihr durchgeführte Langzeitstudie.
Ein Fazit, das in den USA einen Aufruhr auslöste. Wie passt ein Klima von Liebe und Geborgenheit zusammen mit dem - sei es auch nur: gelegentlichen - Einsatz von Fußtritten? Die Psychologin präzisierte ihre Einsichten: Ein "auf Verhaltensänderung abzielendes Schlagen" dürfe nur mit offener Hand auf Hinterteil, Arme und Beine erfolgen. Keine Antwort erhalten wir auf die Frage, ob die gewünschte Verhaltensänderung tatsächlich auch eintritt, oder ob vielleicht malaysisches Kneifen oder finnisches Haareziepen größere Effekte erzielt. Denn damit, dass Schlagen nicht schadet, ist ja noch nicht gesagt, dass es nützt. Wir warten auf die nächste interkulturelle Langzeitstudie.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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