Medusen in der Rasterfahndung
Quallen bedrohen ganze Ökosysteme. An der Ostküste Amerikas wird ihr Vorrücken per Satellit und Computermodell überwacht
Es muss ja nicht gleich eine Begegnung mit Chironex fleckeri sein. Die Berührung mit den hochgiftigen Nesselkapseln der Würfelqualle kostete kürzlich zwei Australienreisenden das Leben. Doch auch weniger gefährliche Vertreter der glibberigen Meeresbewohner haben schon vielen Urlaubern den Strandbesuch verleidet. Und nicht nur Feriengäste verfluchen das Getier.
Fischer bangen um ihre Fanggründe, wenn die Wasserwesen zu Tausenden auftauchen und den Fischen die Nahrung wegfressen. Vor zwei Jahren kollabierte sogar die japanische Energieproduktion, weil Quallen die Kühlwasserzufuhr von Atomkraftwerken verstopften.
Verhindern kann Christopher Brown solche Quallenplagen auch nicht, doch wenigstens einen zuverlässigen Quallenwarndienst will der amerikanische Ozeanograf nun auf die Beine stellen. Mit den Daten von Wettersatelliten und ein paar zusätzlichen Informationen, versprechen Brown und seine Kollegen von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) im US-Bundesstaat Maryland, soll die Welt künftig vor Quallenplagen gewarnt werden.
Der Testlauf für das Quallenorakel fiel allerdings erst mal bescheidener aus.
Die Forscher suchten sich eine Meduse heraus, deren Überleben nur von wenigen Umweltbedingungen abhängt: die Seenessel Chrysaora quinquecirrha. Die milchig durchsichtigen Wesen leben direkt vor der Haustür der Ozeanografen. Die Chesapeak Bay, eine der größten Flussmündungen der Welt, zieht sich entlang der amerikanischen Ostküste von Maryland bis hoch nach Washington D.C. und Baltimore. Dort tummeln sich zur Ferienzeit die Urlauber im Wasser, wenn ihnen nicht durch die schmerzhafte Berührung mit den Giftspritzen der filigranen Seenessel der Spaß verdorben wird. Nirgendwo kommt sie so häufig vor wie am Chesapeak Bay.
Doch nun sind die Nesseltierschwärme berechenbar geworden. Über 13 Jahre verfolgten Brown und seine Kollegen, welche Bedingungen die grazilen Meeresschweber lieben, und kamen zu einem überraschenden Ergebnis: Anders als die meisten Quallenarten bevorzugen Seenesseln geringe Salzkonzentrationen (15 ppt, entspricht 15 Anteilen Salz auf 985 Anteile Wasser - das Salzwasser des Meeres dagegen enthält etwa 35 ppt) und Wassertemperaturen von rund 22 bis 26 Grad Celsius. Deswegen, so nehmen die Meeresbiologen an, bevölkern die lästigen Glibbertiere auch überwiegend den mittleren Teil der Bucht. Dort verringert einströmendes Süßwasser aus mehreren Nebenflüssen den Salzgehalt des Meeres in der Chesapeak Bay.
Nesselprognose im Internet
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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