Nachrichten aus dem Serail
Tilo Schabert untersucht Mitterrands Beitrag zur deutschen Einigung
Die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung wird für geraume Zeit zu den bevorzugten Gegenständen der Historiografie gehören. In erstaunlich dichter Folge hat das säkulare Thema monografische und dokumentarische Beachtung gefunden. Tilo Schaberts Darstellung nun verdient höchste Aufmerksamkeit, denn der Autor hatte privilegierten Zugang zu zentralen Archivbeständen aus der "Ära Mitterrand", zu geheimen Akten, die über die Entscheidungsvorgänge im Elysée Auskunft geben. Sie führen den Leser tatsächlich in das "Serail der arcana imperii" der französischen Großmacht.
Gewiss, die Dokumente aus dem Kabinett und die Aufzeichnungen der Präsidentenberater, die Berichte der Diplomaten und die Analysen des Quai d'Orsay, die dem Präsidenten vorgelegt wurden und mit seinen Kommentaren versehen sind, bedürfen, sobald die Verhältnisse das erlauben, der quellenkritischen Überprüfung.
Eingebunden in Europa
Bis dahin allerdings kommt Schaberts Ergebnissen einige Bedeutung zu. Denn sie sind insgesamt geeignet, die bis dato weitgehend akzeptierte These zu differenzieren, vielleicht sogar zu widerlegen, wonach der französische Staatspräsident "die Wiedervereinigung 'abbremsen', wenn nicht sogar ganz 'blockieren'" wollte. Dass die Überwindung der deutschen Spaltung kommen würde, davon war der in seiner Gedankenbildung den Werten der Nation und der Freiheit zutiefst verpflichtete Mitterrand stets überzeugt, früher und intensiver übrigens als viele Deutsche. Ihnen unterstellte er nicht selten eine Leidenschaft für die nationale Sache, die diese, jedenfalls nicht nach außen hin sichtbar, kaum zu erkennen gaben.
Als sich im Verlauf der achtziger Jahre die Krise der Sowjetunion nicht länger übersehen ließ, gewann die deutsche Frage für den in der gaullistischen Tradition stehenden Präsidenten zunehmend an Aktualität. Im Zentrum der französischen Politik begann man damit, sich auf das bis dahin eher Unwahrscheinliche einzustellen. Dabei war François Mitterrand, was seine Haltung dem sich schürzenden Problem gegenüber angeht, nach seinen eigenen Bekundungen durchgehend "gespalten": Als einem Erben der Französischen Revolution bestand für ihn niemals ein Zweifel daran, dass die Völker Ostmittel- und Osteuropas, einschließlich der DDR, ein Recht auf Freiheit besaßen. Damit unaufhebbar verbunden, stellte sich jedoch umgehend die Frage nach dem Standort eines in der Mitte Europas wiedervereinigten Deutschlands.
Auf jeden Fall hielt der Mann an der Spitze Frankreichs seit dem Beginn seiner Präsidentschaft daran fest, dass dem nationalstaatlichen Verlangen der Deutschen der berechtigte Tribut zu zollen war, und ebenso unbeirrbar verfolgte er das für sein Land fundamentale Ziel, den weltgeschichtlichen Vorgang der deutschen Wiedervereinigung in einen europäischen Rahmen zu fassen.
Ein neutralisiertes Deutschland dagegen vermochte er nur als eine auf jeden Fall zu vermeidende Schreckensvision wahrzunehmen: Mit Sicherheit würde sie den alten Kontinent auf das von ihm immer wieder beschworene Jahr 1913 zurückwerfen und das Unheil eines neuen Krieges mit sich bringen. Daher musste ein wiedervereinigtes Deutschland die bestehenden Grenzen anerkennen, auf nukleare Bewaffnung verzichten und in der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion seine ebenso gezähmte wie schöpferische Bestimmung finden.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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