Nicht so lau
Es hätte eine perfekte neue Welt sein können. Vor einem Jahr, am 11.
September, rief Wladimir Putin aus Moskau ganz unerwartet im Weißen Haus an.
George W. Bush war gerührt ob der prompten Solidaritätsschwüre des ehemaligen Feindes. Seither priesen Politiker und Politdeuter in Washington die russischen Freunde, die für Amerikas Kampf gegen den Terror doch so viel mehr Verständnis hätten als die gern lau badenden Europäer.
Nun ist die perfekte Welt erschüttert worden. Unsensiblerweise kurz vor dem Jahrestag des 11. September ließ Wladimir Putin einen Supervertrag mit Amerikas neuem Feind number one, Saddam Hussein, aushandeln. Die geplanten Abkommen gehen weit über Russlands bisherige wirtschaftliche Verstrickung mit dem Irak hinaus. Moskau und Bagdad wollen bei Ölförderung, Verkehrstechnik, Wasserversorgung und Energieproduktion eng zusammenarbeiten. Wert des Pakets: 40 Milliarden Euro. Nein, nein, die Sanktionen gegen den Irak werde man nicht brechen, heult nun der Rechtfertigungschor aus Moskau. Genauso wie Russland dem anderen Lieblingsgegner Washingtons, Iran, auf keinen Fall nuklearwaffenfähiges Material liefern wolle. Wohl aber Kernkraftwerke.
Die US-Regierung tut bislang, als würde sie der Eigensinn ihrer neuen Bundesgenossen nicht stören. Stoisch betonen Pressesprecher hüben wie drüben die strategische Bedeutung der russisch-amerikanischen Entente. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass die Russen längst einem Prinzip folgen, welches höher rangiert als alle politische Strategie. Es ist aus Amerika importiert und lautet: wirtschaftliches Interesse. M.T.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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