Politbelcanto

Wenn Politiker den Gesang bemühen - oh Gott! Am 9. November 1989 etwa versuchten es die vereinten Führungskräfte der staatstragenden Parteien öffentlich mit der Nationalhymne - der katzenjammerhaft missglückte Choral hätte die Wiedervereinigung beinahe um ihre historische Erhabenheit gebracht.

Jetzt aber eröffnet sich eine Chance zur Aussöhnung zwischen Politik und Sangeskunst. In Berlin wurde am vergangenen Wochenende ein Opernwerk uraufgeführt, in dem zwar keine leibhaftigen Politiker mitsingen, das aber immerhin direkt aus dem prallen Politikerleben gegriffen ist. Es erzählt den Aufstieg Angela Merkels zur CDU-Vorsitzenden und Anwärterin auf die Kanzlerkandidatur der Union - bis zu ihrem Scheitern an Edmund Stoiber. Die Kritik äußert sich anerkennend, wenn sie sich auch Vergleiche mit La Traviata verbittet.

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Nie hätte man für möglich gehalten, in welchem Wohlklang Politikerprosa erblühen kann: Das Libretto von Angela beinhaltet Originalzitate. Herrliche Perspektiven tun sich da auf im Kampf gegen Wahlkampflangeweile und Parteienverdrossenheit: Vertont die Wahlprogramme, lasst Parteitagsreden und Fernsehduelle von erstklassigen Politikerdarstellern im Belcanto bestreiten!

Wenn bei der Bundestagswahl schon nicht der Inhalt, sondern die Stimmung entscheidet, warum sie dann nicht durch professionelle Kunst vefeinern? Die echten Kandidaten nämlich würden, mit oder ohne Gummistiefel, für den optimalen Showeffekt auf der Politbühne alles tun. Bloß eines nie wieder: selber singen. R.H.

 
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