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Roland Kirbach: "Ritzen, Sex und Meerschweinchen", ZEIT Nr. 33
Heute war ein Scheißtag. Einer jener Tage, an denen ich aus drei Verabredungen mit Freunden null mache. Einer dieser Tage, an denen ich für 20 Euro Essen kaufe, und man es meinen Küchenschränken am Abend trotzdem nicht ansieht. Einer jener Tage, an denen ich bereue, in der letzten Hochphase die Rasierklingen weggeworfen zu haben, in der Überzeugung, ich würde sie nie wieder brauchen. Einer jener Tage, an denen ich absolut nichts auf die Reihe bekomme und mich frage, was eigentlich schief läuft mit mir und dieser Welt - mich das schon seit fünf Jahren frage und noch immer keine Antwort gefunden habe. Und nicht weiß, ob dies jemals passieren wird.
In Anbetracht Tausender von Psychologen und Sozialpädagogen scheint es vielen, als könne es gar keine Menschen mit Problemen in unserer Gesellschaft mehr geben. Und dabei werden es immer mehr. Auch ich kann nach mehreren Psychotherapien nicht behaupten, dass ich von meiner gravierenden, zwischen Magersucht und Bulimie stetig hin- und herpendelnden Essstörung und meinem Borderline-Syndrom geheilt bin.
Davon einmal abgesehen, bin ich übrigens ein äußerst erfolgreicher junger Mensch, dem man, wüsste man es nicht besser, niemals ansehen würde, dass irgend etwas nicht stimmt mit ihm. Obwohl ich gerade einmal 19 Jahre alt bin, schreibe ich seit zwei Jahren für eine Zeitung und seit kurzem für eine weitere, habe in den vergangenen Monaten erfolgreich an zwei Literaturwettbewerben teilgenommen. Im nächsten Sommer werde ich voraussichtlich mit einem Durchschnitt von 1,5 bis 1,7 mein Abitur machen.
Seit anderthalb Jahren wohne ich nicht mehr bei meinen Eltern, organisiere mein Leben also vollkommen selbstständig.
Roland Kirbachs Beobachtungen sind mir nicht neu. Ich stimme seinem Teilresümee zu, dass es niemals zuvor dermaßen schwierig war, erwachsen zu werden. Aber bei der Suche nach den Gründen stocke ich, scheinen sich doch, verglichen mit dem Leben unserer Großeltern und Eltern, sämtliche äußeren Lebensbedingungen verbessert zu haben, scheinen uns doch alle Möglichkeiten offen zu stehen. Wahrscheinlich liegt genau darin auch ein Manko - denn was uns fehlt, ist eine innere Orientierung. Ist eine symbolische Hand, die die unsere nimmt und uns ein Stück den Weg entlangführt. Wir sind längst nicht so cool, so ablehnend, wie wir manchmal tun. Dieses Schauspiel ist vielmehr die einzige Möglichkeit, unsere Verwirrung nicht auch noch vor aller Öffentlichkeit eingestehen zu müssen, wo wir sie doch schon vor uns selbst nicht verbergen können und uns einfach nur unfähig fühlen, vor diesem Leben zu bestehen.
Wir sehnen uns nach Sicherheiten und, ja, auch nach Ritualen
Dingen, in die wir vertrauen können, die zur gleichen Zeit am selben Ort geschehen, jede Woche wieder. Reizüberflutung und Grenzenlosigkeit machen es so schwer, einen Platz zu finden in dieser Gesellschaft - und in uns selbst. Die Chancen, jemals wirklich zufrieden mit sich und seinem Tun zu sein, sind minimal
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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