Selbstaufopferung
Eine Oper, in der 135 Minuten lang so gut wie nichts passiert, deren Personal überdies ausschließlich aus reiner Liebe, Güte und Treue besteht, ist ziemlich karge Kost. Christoph Willibald Gluck hat nicht übertrieben, als er seine Alceste "eine sehr ernste Beschäftigung" nannte. Nicht nur, dass das Stück in Melancholie zu ersaufen droht. Drei Akte lang sind Alceste und ihr königlicher Gatte damit beschäftigt, sich gegenseitig zu überzeugen, wer für wen in den Tod gehen darf und wer ohne den anderen auch nicht einen Tag weiterleben könnte. Die treuen Untertanen, die mal ergreifend, mal weinerlich über die Grausamkeit der Götter lamentieren, machen die Sache kaum besser, wenngleich sie dem Chor Anlass für ein paar große Tableaus bieten. Im Kino würde ein solches Übermaß an Selbstaufopferung nach kürzester Zeit schwer an den Nerven zerren.
Dass ausgerechnet eine zentrale Glucksche Reformoper mit solch überidealisiertem Personal hantiert, hat auch seine ironische Seite. Das Wunder, das die Musik des Ritters Gluck vollbringt, wird dadurch allerdings nur um so größer. Wenn Alceste an den Pforten der Hölle mit ihrem Schicksal hadert, schwankend zwischen Todesangst und Liebe, dann weiß Gluck ihr Töne in den Mund zu legen, die den Text weit hinter sich lassen und wahrlich zu Tränen rühren können.
Anne Sofie von Otter singt das so wunderbar intensiv, dass selbst der heutige Hörer, vertraut mit Ehevertrag und Lebensabschnittspartner, vielleicht gar abgebrühter Berufszyniker, zumindest für Augenblicke glaubt, so wahr könnten, ja müssten Empfindungen sein.
In den Rezitativen und Arien der Alceste nimmt das utopische Potenzial der Oper Gestalt an. Der Orchesterklang hat daran keinen geringen Anteil. Dass der Gluck-Verehrer Héctor Berlioz diese Partitur ganz besonders bewunderte und ihr zahlreiche Beispiele für seinen berühmten Traité d'Instrumentation entnahm, erstaunt nicht im mindesten. Von den flüsternden, geheimnisvoll gedämpften Streichern bis zu den unheilvoll dröhnenden Hörnern und Posaunen bietet Glucks Orchester, wenn auch nicht durchgängig, so doch ein ums andere Mal, eine aufwühlende und in manchem auch wegweisende Palette von Klangfarben.
John Eliot Gardiner realisiert sie mit den English Baroque Soloists und dem fantastischen Monteverdi Choir (Philips 470 293) höchst wirkungsvoll, angeregt von der 1861 entstandenen Berlioz-Bearbeitung der Alceste-Partitur.
Auch dadurch gewinnen wir den Eindruck, diese Oper ginge uns tatsächlich noch etwas an.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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