Shoppen mit Maria

Dem Kaufrausch verfällt in Wahrheit jeder - auch die beste Freundin, die sich immer gegen den Konsumwahn sträubt. Ein Besuch in Easton, Ohio, der Shopping-Mall der Zukunft

Die kalifornische Maria kommt die Rolltreppe heruntergerannt, gegen die Laufrichtung, und ruft mir zu, ich solle mal kommen, ganz schnell. Das musst du sehen!, ruft sie, das glaubst du mir nicht, und sie gestikuliert, und die Leute drehen sich um, sehen erst die Maria, die sich meterweise, stolpernd aus der zweiten Etage runterkämpft, dann mich und sind entsetzt darüber, wie wir uns aufführen. Hier, im Kaufhaus Nordstrom, dem besten, teuersten Kaufhaus von Easton.

Ich lasse mich hinauftreiben, bis mir die inzwischen völlig verschwitzte kalifornische Maria beinahe in die Arme fällt, und frage sie, was ist denn?

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Warum die Aufregung? Da ruft sie, schau doch mal, schau doch einfach mal!, und zeigt auf die riesigen Inschriften an den Wänden des Verkaufsraums. Wir sind in der Abteilung für Damenbekleidung. Da steht zur Orientierung neben so einleuchtenden Bezeichnungen wie LEISURE oder EVENING WEAR auch weniger Konkretes. Da steht ein durchaus nachvollziehbares ROMANCE in gemeißelt wirkenden römischen Lettern, und dort - ich folge dem Zeigefinger von Maria - da, da, guck mal, steht NARRATIVE. Narrative! Eine Erzählung als Bekleidungskategorie, ich falle beinahe von der Rolltreppe, halte mich an Maria fest und sehe dann auch POINT OF VIEW in gigantischen klassizistischen Majuskeln! Da hat sich jemand einen Spaß gemacht, denke ich, da hat sich irgendein arbeitsloser Erzähltheoretiker angedient und hat gesagt, wir müssen die Käufer anregen, müssen ihnen etwas zum Nachdenken geben, ich habe da gerade das Richtige. Narrative. Point of View. ONTOLOGY!

Und hat sich wahrscheinlich totgelacht dabei.

Wo gibt es die Mangopaste fürs Gesicht à la American Psycho?

Jetzt muss ich etwas erklären. Easton ist ein Einkaufszentrum in Columbus, Ohio, aber mit der klassischen Mall, wie es sie inzwischen auch in Deutschland gibt, hat Easton nichts mehr zu tun. Warum? Das kommt gleich. Ich muss nur eben Maria vorstellen. Eine Freundin von mir, leider nicht meine Freundin, muss ich immer wieder denken, denn Maria ist zwar ein bisschen verrückt, etwas zu radikal, aber auch sehr, sehr schön. Sie ist ein Viertel afroamerikanisch, ein Achtel indianisch, ein Sechzehntel indisch-karibisch und so weiter, sie ist klein, hat sehr schöne schwarze Locken und riesige Augen und sieht so aus, als wäre sie gerade aus einer Benetton-Werbung gesprungen.

Maria liebt Kalifornien, wo sie bis vor kurzem Politikwissenschaft studiert hat, über alles. Sie liebt Kalifornien so sehr, dass sie dem Hund, der ihr kürzlich zugelaufen ist, den Namen Cali gegeben hat, und in ihrem Wohnzimmer hat sie ein riesiges, sehr kitschiges Poster mit einem kalifornischen Sonnenuntergang hängen. Weißer Sand, Pazifik, in der Ferne Robben und so weiter. Jetzt ist sie in Ohio gelandet und ruft mich an und sagt, lass uns einkaufen gehen, ich brauche eine Dose Mangopaste von Kiehl's. Und ich sage, meine liebe Maria, meine liebe kalifornische Maria, ich bezweifele sehr, dass du hier, in Ohio, wo die Leute gerade erst das Sushi-Essen entdeckt haben, so etwas wie die Mangopaste von Kiehl's finden wirst. Kiehl's, das muss man wissen, ist die von jungen Silicon-Valley-Managern bevorzugte Kosmetikreihe, und die Mangopaste schmieren sich die oberen Achthundert von San Francisco allabendlich ins Gesicht, im Stil, sagen wir, von American Psycho. Meine liebe Maria, sage ich, wenn überhaupt, dann gibt es so etwas nur in Easton.

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