So leise, so aufregend
Klarheit und Schärfe soll die Verlangsamung von Fernsehbildern bringen, um die Wirklichkeit genauer zu fassen. Doch stattdessen tritt jener seltsame Effekt ein: Lyrische Unschärfe und Auflösung erfasst die Bilder, welch anmutiger Sturz, welch Ballett des Schrecklichen - die Zeitlupe poetisiert die Realität. Dem norwegischen Pianisten oder besser Klangarrangeur Jon Balke gelingt Ähnliches mit seinem Magnetic North Orchestra: Er verlangsamt den modernen Jazz, löst das Musikbild in einzelne Klangpunkte auf, man sieht das Ganze und hört doch die Teile. Ein Basston, der wie ein Tropfen auf der Wasseroberfläche platzt, ein Holzstock, der auf Metallrändern knistert, ein Trompetenton wie der Flügelschlag von Schwalben. Doch zugleich Jazz, Choräle, Melodien im Unisono der Bläser, Wechsel der Tonfarben des Septetts - gefrorene Zeit (ECM 1822).
Das Album Kyanos (blau) verbindet elf Kompositionen, Kombinationen von Klangschichten aus Bass und Cello, zwei Trompeten und einem Saxofon, Klavier und Schlagzeug. Als sei die sanfte Konterrevolution der akustischen Instrumente geplant, als sei das Zeitgefühl der Laptop-Komponisten und die Materialneugier der Avantgarde nach Cage zur neuen Herausforderung für die nordischen Melodiker und Verlangsamer geworden. Was Jon Balke Anfang der neunziger Jahre mit seinen Oslo 13 als kleinorchestrale Verbindung von Streichern, Jazz und Perkussion initiierte, ist jetzt zur Kammerversion von Ton- und Gefühlslagen geworden, Northern Swing 'n' Soul in Zeitlupe inklusive.
Ein Netzwerk aus Klangliebhabern wie dem Perkussionisten Audun Kleive, dem Bassisten Anders Jormin oder dem Trompeter Arve Henriksen ist da entstanden, das sich in immer neuen Verbindungen auf die Suche macht. Neben Anders Jormin, der auf dem traumsicherem Album Xieyi (ECM 1762) Solostücke einem Bläserquartett gegenüberstellt, ragt vor allem der 1968 geborene Arve Henriksen heraus - eine Ausnahmeerscheinung. Er flüstert, spricht auf seiner Trompete, bringt die Luft in seinem Mundstück zum Singen, keiner, der so leise und so aufregend spielt. Auf dem Soloalbum Sakuteiki (rune grammofon 2021, Vertrieb: ECM) meint man die Töne stehen zu hören. Unverkennbar der Einfluss japanischer Flötenmusik und des Trompeters Jon Hassells, der Versuch, die Musik in der Schwebe zu halten, jeden Ton so zu spielen, dass er nicht über sich hinausweisen muss. Sakuteiki meint die japanische Art der Gartenkunst, jedem Ding den Platz zuzuweisen, für den es geschaffen ist. Das Label ECM schafft sein Netzwerk "Weltmusik" über die Klangempfindlichkeit ihrer Musiker, Poetisierung durch Verlangsamung mit eingeschlossen.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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