Sonnenuntergangslicht

Über die magische Grenze hinaus: Hans Werner Henze hat seine zehnte Sinfonie vollendet

Es scheint, die Neunte ist eine Grenze", raunte Arnold Schönberg. "Wer darüber hinaus will, muss fort ..." So tröstete er sich, als Mahler über seiner Zehnten gestorben war. Seit Beethoven bezeichnet die Nummer neun jene Eisregion der Sinfonik, in der die Luft zum Komponieren dünn wird bis hin zu Transzendenz und Herzversagen. Bruckner widmete seine Neunte "dem lieben Gott", der sogar noch vorm geplanten Finale seinen getreuen Knecht zu sich holte. Auch Schubert und Dvorak ließen es mit neunen gut sein.

Bei Hans Werner Henze dachte man Ähnliches, als er 1997 seine neunte Sinfonie vorstellte, ein antifaschistisches Monument, eine sich auch auf Beethoven beziehende Großkantate, "summa summarum meines Schaffens", erklärte der Komponist. Aber längst hatte er eine Zehnte im Kopf, wohl wissend, dass es Schostakowitsch und Pettersson bis 15 und 17 gebracht haben. Und dass Dieter Schnebel sogar dreist eine Sinfonie X vorlegte, ohne neunmal trainiert zu haben, collagiert aus Repertoirebrocken, konzipiert als Schrottplatz der Tradition. Henze hat sich hingegen in der Tradition schon immer wohlgefühlt, von ihr gezehrt, seine Rolle als deutscher Künstlerfürst unter italienischer Sonne in sie hineingebaut, hat der Geringschätzung der dogmatischen Avantgarde widerstanden und vor allem, seit er mit 21 Jahren seine erste Sinfonie schrieb, ein technisches Können erworben, über das sich nicht streiten lässt. Das wird für den Basler Mäzen Paul Sacher ein Grund gewesen sein, Henze um eine Zehnte zu bitten. Die bürgerlichen Orchester brauchen neue Stücke, in denen sie mit ihrer Geschichte ernst genommen werden.

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Wassergong und Japantrommel

Henzes Fantasie beginnt gern an der Nahtstelle zwischen einer programmatischen Vorstellung und den Farben und Gesten, die die Orchester und ihr Repertoire von sich aus anbieten. Seine Musik fängt immer draußen an, wo diese Welten sich treffen, und will nach innen, wo sie verschmelzen. Selten war dieser Prozess so intensiv zu erleben wie jetzt bei seiner Zehnten, die Simon Rattle und das City of Birmingham Symphony Orchestra nach der Uraufführung in Luzern auch beim Schleswig-Holstein-Musikfestival in Lübeck vorstellten. Sie beginnt ganz uneuropäisch mit Wassergong und japanischer "O'Daiko"-Trommel, bezieht sich aber bald deutlich auf den Fundus romantischer Klanggesten - bewegte Streicherfiguren, Bläserfanfaren, Themen mit Signalanspruch, Kontrabässe, die mehrstimmig Tannhäusers Nähe suchen. Die Aura der Tradition ist da, wird aber nicht wie etwa im instrumentalen Requiem auskomponiert, sondern aufgehoben durch eine (beim ersten Hören) fast undurchdringliche und doch lichtdurchlässige Dichte von Einfällen, Neuansätzen, Überlagerungen.

Ein Sturm heißt der erste Satz, dem Ein Hymnus folgt, elegisch, eingängig in Details wie wiegenden Rhythmen und Imitationen und doch wieder so eng verzahnt, dass für Eindeutigkeit kein Platz bleibt. Diese Zehnte ist komplexer als die vergleichbar besetzte Siebte mit ihren Eruptionen, und sie gestattet sich größere Umwege. Im dritten Satz (Ein Tanz) umgeht sie sogar die Streicher. Bis auf die Kontrabässe schweigen sie zu den rhythmischen Zacken eines gewaltigen Aufgebots von geschlagenen und geblasenen Instrumenten.

Von diesem reduzierten Konstrukt aus nimmt man den letzten Satz mit geschärften Sinnen wahr. Und zweifelt zunächst: Sind diese Posaunencrescendi, stockenden Flötentremoli, Klarinettenkapriolen mit Snaredrum, Geigenkantilenen und Hornrufe nicht doch Laute einer ausgestorbenen Art - brüchiger wirkend, je liebevoller sie ins Geschehen gespannt werden? Sind das nicht alles Renovierungsarbeiten? Und genau in dem Moment, wo dies Fragezeichen erreicht ist, entdeckt der Klang sich selbst und wird neu. Es ist, als verbänden sich am Ende von Ein Traum die Elemente der Musik zu einem eigenen, fremden Wesen, klar, kompakt, mit menschenfernem Sonnenuntergangslicht (das am Schluss des zweiten Satzes kurz zu ahnen war).

Da befreit sich etwas. Henze hat (wie Simon Rattle) das Genie, sich nicht davor zu stellen, er lässt diese Klänge atmen und bei sich sein. Es ist einer der bewegendsten Sinfonieschlüsse, alles neu beleuchtend. Mehr davon!

 
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