Tagesgeld als Einstiegsdroge
Wer allzeit bereit sein will zum Wiedereinstieg am Aktienmarkt, muss sein Geld nicht auf dem Girokonto liegen lassen. Andere flexible Anlageformen bringen höhere Zinsen
Jetzt wieder einsteigen? Oder lieber doch nicht? Nachdem Bilanzskandale und Konjunkturkrisen die Aktienindizes auf immer neue Tiefstände geführt haben, trauen sich selbst Profis keine Prognose mehr zu: "Die Entwicklung ist schwer zu greifen", kapituliert die Dresdner Bank. Die Deutsche Bank warnt Anleger vor einem übereilten Wiedereinstieg in Aktien: "Die Märkte werden weiterhin volatil bleiben" - also stark schwanken. Und nun? Wem derlei Aussagen zu ungenau sind, der parkt sein Kapital kurzfristig in Geldmarktfonds oder auf Tagesgeldkonten. Der Vorteil: Das Geld ist sicher vor Kursverlusten, täglich verfügbar und wirft nebenbei auch noch Zinsen ab.
Das Interesse der Deutschen an kurzfristigen Anlageprodukten ist, wie die jüngste Statistik der Bundesbank zeigt, deutlich gewachsen. Während längerfristige Geldanlagen vor sich hin dümpelten, stiegen die täglich fälligen Einlagen allein im Mai saisonbereinigt um mehr als 13 Milliarden auf 537 Milliarden Euro. Damit war die Flucht in Sichtguthaben sogar noch ausgeprägter als nach den Terroranschlägen im September vergangenen Jahres.
"Viele Anleger wollen jetzt kurz verschnaufen", sagt Frank Bock, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Investmentgesellschaften.
Um die Baisse zu überbrücken, setzen viele Investoren auf so genannte Geldmarktfonds. "Kunden, die bei uns über 20 000 Euro angelegt haben, besitzen inzwischen fast alle ein Geldmarktkonto", sagt Willi Schieren, Anlageberater der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS. Neben vermögenden Anlegern interessierten sich zunehmend auch immer mehr typische Kleinsparer für die Cash-Fonds. Insgesamt hat die DWS zwischen Januar und Juni 3,8 Milliarden Euro mit Geldmarktprodukten umgesetzt, doppelt so viel wie im gleichen Vorjahreszeitraum. Sämtlichen in Deutschland angebotenen Geldmarktfonds flossen im ersten Halbjahr 2002 fast sechs Milliarden Euro zu.
Zum Vergleich: Im selben Zeitraum flossen den Rentenfonds weniger als vier Milliarden Euro zusätzliche Mittel zu.
Weil beim Kauf von Geldmarktfonds - anders als bei vielen anderen Fonds - fast nie ein Ausgabeaufschlag gezahlt werden muss, eignen sie sich besonders gut für einen schnellen Ein- und Ausstieg. Anleger können ihre Anteile börsentäglich verkaufen. Dabei ist das Investment in europäische Geldmarktfonds fast so sicher wie die Einzahlung auf das Sparbuch. Weil die Fondsmanager in Termingeld und Wertpapiere mit kurzer Laufzeit investieren, bleiben die Kursschwankungen minimal. Ein Risiko geht nur ein, wer Fonds in Fremdwährungen, wie Dollar oder Yen, wählt.
Auch die Rendite europäischer Geldmarktfonds kann sich sehen lassen: "Zurzeit bringen Geldmarktfonds durchschnittlich drei Prozent pro Jahr", sagt Jörg Uhlendorf, Anlageexperte der Dresdner Bank. Das ist immerhin nur ein halber Prozentpunkt weniger, als Banken für Festgeld zahlen. Allerdings ist die Verzinsung variabel und abhängig von der Situation am Geldmarkt. Generell gilt: Ändert die Europäische Zentralbank die Zinsen, wirkt sich das einige Wochen oder Monate später auch auf die Geldmarktfonds aus.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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