Und alle gehen hin

Im Katastrophensommer: Die Fluthelfer zeigen's den Wahlkämpfern

Ein Zufall: Derweil im Osten Städte und Landschaften in der Flut versanken, wurde unter sternenklarem Sommerhimmel im Domhof zu Worms eine neudeutsche Version des Nibelungenliedes aufgeführt. Der Autor Moritz Rinke lässt König Gunter, einen Schlaffi im Wohlstandsleib, breit und bräsig deklamieren, was wie klassische bundesrepublikanische Staatsräson klingt: "Wir werden uns von nichts und niemandem mehr für irgendetwas von links noch rechts vereinnahmen oder umstimmen lassen. Wir sind und bleiben die Burgunder! Basta! Zum Wohl!"

Wir sind und bleiben die Burgundesrepublikaner: besitzständisch und eigensüchtig, dem Wandel so abhold wie dem Gemeinsinn? Falsch! Die große Überraschung des schläfrigen Wahlsommers 2002 ist eine veritable Epidemie der Spenden- und Opferbereitschaft, des freiwilligen Einsatzes und Mitanpackens.

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Vater Staats Wohlstandskinder sind zu Tausenden an die Wasserfront geströmt, um zu schippen und zu helfen, zu schleppen und zu trösten. Und zwar ohne jenen Marschbefehl, der 19 000 Soldaten in die Verteidigungsräume beorderte.

Die Rede ist nicht nur von den üblichen Verdächtigen, die sonst die Gesellschaftsgazetten bevölkern, diesmal aber 100 000 Euro oder eine ganze Million gespendet haben. Die Rede ist von Jedermann, der bislang sieben Millionen an die Caritas und acht Millionen an das Rote Kreuz überwiesen hat.

Und von der Spendengala von ARD und Bild, die 22 Millionen eingebracht hat.

Dass die Summe auf 100 Millionen anschwellen könnte, wäre eine weniger leichtsinnige Wette, als bei Schröder oder Stoiber auf Sieg zu setzen.

Gustav Seibt schreibt zu Recht in der Süddeutschen Zeitung: "Wenn es ernst wird, funktioniert die Solidarität in diesem Land auf erfreulich umstandslose und unpathetische Weise." Es herrscht sozusagen Krieg, und alle gehen hin.

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