Vor uns die Sintflut
Lauenburg fürchtet das Hochwasser. Die Bürokratie hat den Bau eines sicheren Deichs verhindert
Am vergangenen Sonntag, um 16 Uhr und 35 Minuten, hat sich Lauenburg an der Elbe darauf verständigt, Angst bis auf weiteres in Zentimetern zu messen.
100 Zentimeter unterhalb der Deichkrone bleibt das Wasser zurück, glaubten bis dahin die Flutberechner vom Schifffahrtsamt, Lauenburg sei sicher. Dann aber: 9,80 Meter soll es geben, spätestens am kommenden Wochenende, 20 Zentimeter höher als der Deich vor der Kleinstadt am Südzipfel Schleswig-Holsteins. 20 Zentimeter Angst können ungeheuer viel sein in Lauenburg, wo die Menschen ihre Gefühle jetzt in 9-Meter-Komma-irgendwas-Sätzen vergraben. 20 Zentimeter, meine Herren, im Besprechungszimmer des Klärwerks am Deich waren der Bürgermeister und die Chefs der Hilfsverbände außer sich. Katastrophenalarm, sofort, und seither ist nur noch einer von Belang: "Er", sagen sie, "er", der Deich.
Grüne Einheiten machen sich an ihm zu schaffen, blaue, bunte - Bundeswehr, Technisches Hilfswerk, Bewohner. Sollte der Deich brechen, wälzt sich das Wasser in Lauenburgs einziges Industriegebiet. Drei Dutzend Betriebe gleich hinterm Deich, 1000 Arbeitsplätze, die zusammengepferchte Ökonomie einer Gemeinde. Lauenburgs verbliebene Jobs drohen zu versickern. So kann es kommen, immer haben sie es gesagt, nein: gepredigt, gegeißelt. Die Unternehmer haben es getan, die Lokalpolitiker auch, aber nichts ging voran.
Ronald Zorn wandert herum auf der Deichkrone, und weil das nahende Hochwasser das Leid heranspült und die Wut verschlingt, gelingt es dem Geschäftsführer der Lauenburger Industriewäscherei, nicht zu schimpfen. Er lässt gerade die Maschinen in seiner Firma abbauen und wegschaffen. Er ist schon wieder seit fünf Uhr auf den Beinen, müde ist er und traurig.
Ein Wachtelkönig ward gesichtet
Beinahe 40 Jahre gibt es den Lauenburger Deich, inzwischen der wunde Punkt in den Schutzwällen dieser Region. Er wurde aus sandiger Erde gemacht, die einem extrem hohen Wasserdruck nicht dauerhaft standhält. Der Deich ist nicht nur zu klein, sondern auch zu schwach. Nie ist er erneuert worden, und eigentlich wäre dies der Punkt, an dem er sich aufregt, aber Ronald Zorn bleibt ruhig.
Der Reihe nach, die Elbe steigt. Der Deich gehört nicht dem Land, sondern dem Deichverband, einem Zwangszusammenschluss der Anrainer, in Lauenburg den Unternehmen vor allem. Die müssen sich kümmern, nicht der Staat. Eine landestypische Besonderheit. So ist es festgelegt bei schleswig-holsteinischen Deichen, die von Ebbe und Flut nicht beeinflusst sind, dem Küstenschutz also nicht dienen. Vor 20 Jahren schon begann der Zwist zwischen Lauenburg und dem Land, ob der Deich tatsächlich unabhängig ist von den Gezeiten. Strittig ist das noch immer, dennoch bewegte sich etwas vor vier Jahren.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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