Wer kritisiert, ist ein Kommunist
Ulrich Ladurner: "Bella Berlusconia", ZEIT Nr. 33
Nicht alle schlafen, nicht alle träumen, nicht alle schweigen, aber viele sind stumm und konzeptlos. Berlusconi denkt wie ein Großgrundbesitzer, handelt wie ein Neureicher, benimmt sich wie ein verzogenes Kind, regiert aber wie ein Pragmatiker. Alle Mittel der positiven wie der negativen Propaganda tragen zu seinem Erfolg bei. Gegen ihn richten weder Mahnungen noch Beleidigungen etwas aus, weder Ironie noch Sarkasmus, weder Diplomatie noch Rhetorik.
Die Verantwortung für einen Berlusconi tragen wir Italiener alle gemeinsam: diejenigen, die ihn aus Eigennutz gewählt haben, diejenigen, die aus Trotz oder Bequemlichkeit den Urnen ferngeblieben sind und diejenigen, die die Utopie einer Medienwelt mit der Realität verwechselt haben. Die Wahrnehmung einer Ethik in der Politik, die abseits von Korruption und Klientelverhältnis beheimatet ist, ist uns Italienern stets fremd geblieben. Wenigen bekannten Politikern attestiert man in Italien eine "saubere" Weste, und nicht wenige davon haben mit dem Leben zahlen müssen.
Maria Sironi, Tübingen
Wenn ich ein bisschen Zeit habe, versuche ich, eure Zeitung im Internet zu lesen. Ich freue mich immer, wenn ein Artikel über die seltsame politische Situation des "armen" Italien geschrieben wird: Ihr schreibt Sachen, die man in Italien kaum lesen kann. Die Journalisten und die Zeitungen, die - direkt oder indirekt - nicht von Berlusconi beeinflusst sind, werden leider immer weniger. Nach einem Jahr Berlusconi ist Demokratie nur noch ein schönes Wort: Demokratie ist, was Berlusconi mag. Alle Leute, die ihn nicht gewählt haben oder die wagen, etwas gegen ihn zu sagen, sind für ihn Kommunisten.
Patrizia Tanzola Cassina de' Pecchi Italien
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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