Wessi oder Ossi - das ist kein Thema mehr
Vor zehn Jahren porträtierte unser Reporter WOLFRAM RUNKEL Abiturienten aus Ost und West. Was ist aus ihnen geworden? Einige hat er wiedergetroffen
Zuletzt waren sie alle vor zehn Jahren als alte Teenager zusammen, bei ihrer Abiturfeier 1992. Damals berichtete das ZEITmagazin in einer Serie über zwei Abiturklassen im Osten und im Westen Deutschlands: aus der Lutherstadt Wittenberg und aus Hagen. Wir porträtierten aus jeder Jahrgangsstufe sechs Abiturienten, um zu erfahren, wie unterschiedlich oder ähnlich die Teen-Aussteiger ihre Zukunft als Erwachsene in spe einschätzten oder planten.
Inzwischen ist die Zukunft zum Teil schon Vergangenheit.
Die Abiturklasse aus Hagen trifft sich am Ende der Twen-Ära, vor dem Eintritt in die gefürchteten Dreißiger, zu einem Abi-Jubiläum im Kellerlokal Catakombe. Wie vor zehn Jahren verabredet, ist auch der Reporter der ZEIT eingeladen. Die Lehrer fehlten unentschuldigt.
Natürlich gilt das Augenmerk besonders den Damen und Herren, die wir damals näher kennen gelernt hatten, um sie in kleinen Kapiteln vorzustellen. Die selbstbewusste Birke Witta wirkt heute nachdenklicher. Ihr damaliger Freund und Klassenkamerad Philipp Burgsdorff hält nicht mehr ihr Händchen, sondern sitzt am anderen Ende des Tisches. Mit der Liebe war es schon kurz nach dem Abi vorbei.
Auch Oliver Müller, der frühere Klassenclown und Outfit-Exot, über den die Abi-Zeitung schrieb, er wechsele seine Haarfarbe so oft wie seine Unterwäsche, hat sich verändert - er ist ruhiger, wahrscheinlich selbstbewusster geworden, und die Haare stehen nicht mehr so hoch empor, als wollte er die Wolken bürsten.
Arztsohn Patrick hatte vor, Arzt zu werden, und er ist es auch geworden.
Finster blickt er mich an. Vermutlich mochte er den Text nicht. Wir hatten damals jeden Kandidaten gefragt, was er sich von einer Fee wünschen würde, die ihm einen Wunsch frei gäbe. Während die Ostabiturienten Frieden oder Rettung der Umwelt wünschten, suchten ihre Westkollegen eher das individuelle Glück. Patrick wählte ein Friesenhaus an der Ostsee. Spiegelte das eine Schwäche in Geografie, oder wollte ausgerechnet er, den die Ossis erklärtermaßen so nervten, eine spezielle Form der Wiedervereinigung? Jetzt ist er jedenfalls nicht interessiert an einer Fortsetzung der Geschichte, will nicht mit uns sprechen.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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