Wie Pendlerhausen ein Gesicht bekommt
Die Provinz macht's vor: Mit großem architektonischen Ehrgeiz baut sich die Stadt Ostfildern ein neues Zentrum - und sogar das New Yorker Museum of Modern Art ist begeistert. Es hat die Pläne in seine Sammlung aufgenommen
Komisches Ding. Man fährt genau drauf zu, wenn man auf der Hauptstraße gen Zentrum unterwegs ist: auf diesen massigen braunen Kasten, der auch noch so in der Sichtachse steht, dass er einem die messerscharfe Gebäudekante zuwendet. Und das soll Offenheit signalisieren? Bürgernähe trägt nach landläufigem Verständnis andere Züge, besonders in dieser Gegend, wo hinterm nächsten Hügel der Vorbeter des demokratischen Bauens, Günter Behnisch, wohnt und öffentliche Verwaltungen eher aussehen wie Luftkurhotels. Die Irritation wächst, wenn man direkt vor dem Stadthaus im Scharnhauser Park steht. Da bestätigt sich, was man aus größerer Entfernung noch für eine optische Täuschung halten konnte: Der Kasten kippt nach hinten.
Die schräge Trutzburg ist nicht der letzte Baustein des neuen Zentrums von Ostfildern bei Stuttgart, gewiss aber ein eigenwilliger Höhepunkt in der kurzen, an Glanzlichtern reichen Geschichte des Ortsteils - das eindeutige Signal, dass dieses Stück Stadt auf ehemals militärisch genutztem Gelände mit urbanistischem Ehrgeiz und großem Mut zum architektonischen Experiment errichtet wird. Wo Stuttgart, die nahe Landeshauptstadt, sich bei eigenen Konversionsflächen nur zu der üblichen Planungsroutine aufraffen kann, da macht die Peripherie mustergültig vor, wie sich durch Flächenrecycling aufregende Zukunftsmodelle für unsere Städte entwickeln lassen.
Die Schwerkraft steht Kopf
Bis vor zehn Jahren gruppierten sich die vier Flecken Ruit, Kemnat, Nellingen und Scharnhausen, aus denen bei der Gemeindereform 1975 die Stadt Ostfildern hervorging, rings um amerikanisches Kasernengelände. Nach dem Abzug der US-Army wurde aus den "Nellingen Barracks" der Scharnhauser Park: Wohn- und Arbeitsort für 9000 Menschen und für Ostfildern nichts weniger als der Gewinn einer Mitte. Der Masterplan der Stuttgarter Architekten Janson und Wolfrum für das rund 140 Hektar große Gebiet im unmittelbaren Gravitationsfeld des Stuttgarter Flughafens tariert das Verhältnis von Landschaft und Stadt einfühlsam aus: Die alte Idee der Gartenstadt bekommt eine neue Fasson. Nur die Hälfte der sanft abfallenden Wiesenfläche, die im 19. Jahrhundert dem königlich-württembergischen Gestüt, später dann einem Fliegerhorst der deutschen Wehrmacht vorbehalten war, wird bebaut.
Rückgrat und Wahrzeichen des Scharnhauser Parks ist ein Element, das eigentlich dem Repertoire barocker Gartenarchitektur entstammt: eine kilometerlange, schnurgerade Landschaftstreppe, die sich in großzügigen Stufen nach Süden absenkt. Zu beiden Seiten sind kompakte, klar begrenzte Wohnquartiere angelegt, durchzogen von Baumalleen und offen zur Landschaft.
Den höchsten Punkt des Stadtteils akzentuiert eine Gruppe von Hochhäusern, von der aus man die Fernsicht auf die Krautäcker der Filderebene und die Tafelberge der Schwäbischen Alb genießen kann.
Städtebaulich steht das Bürgerhaus auf der Nahtstelle zwischen den erhalten gebliebenen Zeilenbauten der US-Kaserne und den neuen Wohn- und Gewerbebezirken. Architektonisch gibt es sich als bulliger Solitär, hervorgehoben nochmals durch das equilibristische Kunststückchen seiner Kippfigur. Mit den Gleichgewichtsstörungen des Dekonstruktivismus und seiner zerfahrenen Trümmerästhetik hat der Bau des jungen Berliner Architekten Jürgen Mayer Hermann jedoch nicht viel gemein. Blockhaft und wuchtig wie ein überdimensionierter Amboss, erinnert er eher an eine gebaute Skulptur - und irgendwie auch wieder nicht. Schuld an dem stilistischen Gewackel ist die Architektur selbst, denn ausgeführt ist der Monolith nicht in Sichtbeton, dem Werkstoff, mit dem sich plastische Formen am besten erzielen und am wirksamsten zur Geltung bringen lassen. Stattdessen überzieht den Kubus eine Haut aus eloxierten Aluminiumpaneelen, die sich durch ihren schrägen Schnitt zwar der Neigung des Baukörpers anpassen, ihm durch die starren Oberflächen aber zugleich etwas Steifes, dem Objektcharakter Zuwiderlaufendes verleihen.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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