Zu nah am Wasser
Man kann sich an alles gewöhnen, sogar daran, dass das eigene Hotel alle paar Monate überflutet wird. Trockene Antworten eines Leidgeprüften
Herr Peter Schauss, Ihrer Frau gehört seit viereinhalb Jahren das Hotel am Rhein...
Wir haben lange nach so einem Hotel gesucht.Wir wollten ein kleines, feines, gut geführtes Haus.Und das haben wir gefunden. Unangenehm nur, dass es so dicht am Rhein liegt. Nun, das Haus steht da, wo es steht.Dann kommt die Straße, dann der Rheinpark und dann der Rhein - wenn er sich nicht verbreitert. Der Rhein tritt ja des Öfteren über seine Ufer. Wir sind nicht betroffen von dem großen Hochwasser jetzt, wir liegen auf der anderen Seite der Wasserscheide.Aber normalerweise sind wir immer dran: Main, Neckar, Lahn, Mosel - alles fließt in den Rhein und dann bei uns vorbei.Wir hatten das Wasser allein dieses Jahr schon sechsmal im Haus. Wir wollten wissen, ob man sich an so ein Leben gewöhnen kann. Nun ja: Der mittlere Wasserstand liegt bei 2,95 Metern.Ab 6,50 haben wir das Wasser im Keller, dann ist die Waschküche dran.Ab 8,15 haben wir Wasser im Frühstücksraum und müssen räumen.Das heißt: Es bleibt kein Bild an der Wand und keine Lampe an der Decke, auch der Teppich kommt raus.Was wir nicht die Treppe hochkriegen, Bänke, Herde, Kühlschränke, Türen, kommt auf einen Lkw. Dann ist es mit dem Hotelbetrieb vermutlich vorbei? Den können wir so lange aufrechterhalten, wie die Gäste bereit sind, über die Stege, die hinter dem Haus aufgebaut werden, ins Hotel zu kommen, um dann durchs Fenster zu klettern.Gut, man kann halt nicht mehr im Erdgeschoss frühstücken, wenn da das Wasser steht.Aber wir ziehen unten das Telefon raus, das Fax auch, und stöpseln es oben wieder ein.Die Heizung ist im dritten Stock, wir können oben weiter heizen.Wir haben auch drei Stromkreise.Wir kappen den unteren, und oben läuft dann alles ganz normal weiter.Die Frage ist nur: Wären Sie denn bereit, durch ein Fenster zu klettern, um ein Hotelzimmer zu beziehen? Eher weniger. Eben.Wir räumen das Haus nur, wenn es sein muss.Wir informieren uns über Internet und Videotext, die Wissenschaftler können die Wellen und ihren Scheitelpunkt exakt berechnen, bis auf den Zentimeter genau.In der letzten Märzwoche stand das Wasser bei uns in Keller, Waschküche und einen Finger breit unter dem Rand der letzten Stufe zum Erdgeschoss.Aber unsere Gäste konnten noch frühstücken. Wie reagieren Ihre Gäste auf solchen Nervenkitzel? Die fühlen sich wohl bei uns.Wir haben zu 90 Prozent Stammgäste, die immer wieder kommen.Und auch die, die wir wegen Hochwassers in andere Hotels verlegen mussten, sind bis jetzt immer zurückgekommen. Und Sie hat es wirklich kein bisschen schockiert, dass Sie an ein solches Haus geraten sind? Wir wussten das doch.Das Gebäude ist von 1905, und wir haben uns gesagt: Wenn schon Generationen damit umgegangen sind, können wir das auch.Wir sind vorbereitet: Im Erdgeschoss befinden sich die Steckdosen und Kabelanschlüsse in Kopfhöhe.Fußboden und Wände sind gefliest, in Frühstücksraum und Flur bis in Hüfthöhe, im Waschraum bis unter die Decke, damit das Wasser nicht ins Mauerwerk dringt.Außen haben wir einen Anstrich, der das Wasser eine Zeit lang abhält, und das Haus besitzt zum Schutz vor Feuchtigkeit eine doppelte Außenmauer. Was machen Sie, wenn das Hochwasser weg ist? Der Betrieb muss laufen, da zählt jede Stunde.Noch während das Wasser fällt, fangen wir an, das Haus zu reinigen.Wir halten das Wasser mit Abziehern in Bewegung, sodass der Schlamm mit rausfließt.Das ist eine Arbeit, die einen in den Wahnsinn treiben kann, aber nach drei, vier Stunden können wir dann alles wieder einräumen. Haben Sie noch nie versucht, das Haus mit Sandsäcken oder Silikon gegen das Wasser abzudichten, um sich die ganze Arbeit zu sparen? Nein, das hätte keinen Sinn.Wenn das Wasser kommt, kommt es von allen Seiten, auch die Kanalisation läuft über.Indem man das Wasser reinlässt, mindert man den Druck von außen und verhindert Schäden am Gebäude. Das heißt, es geht gar nichts kaputt bei Ihnen? Doch, sicher.Und wenn das Wasser über den gefliesten Bereich hinausgeht, haben wir natürlich ganz andere Probleme, da werden die Wände feucht.Aber das war zum letzten Mal vor unserer Zeit, 1993, bei der so genannten Jahrhundertflut.Da stand es bis oberste Stufe Marmortreppe, zweieinhalb Meter im Haus.Auch damals gab es Spendenaufrufe, wie jetzt für die Hochwasseropfer. 20 oder 30 Mark sind hier angekommen. Bei Ihnen sind Überschwemmungen ja Routine.Aber die Lage an Elbe und Mulde ist eine Katastrophe. Was wir hier 1993 hatten, damit hatte auch niemand gerechnet.Aber man weiß doch, dass die Häufigkeit und die Höhe der Hochwasser zunehmen.Und in Dresden gab es vor 112 Jahren auch schon ein Hochwasser. Klingt so, als müsste man sich eben von der Vorstellung verabschieden, dass so ein Haus immer trocken ist. Man muss sich darauf einstellen, wenn man in bestimmten Gegenden baut.Es ist zu viel versiegelt worden, zu viele Flüsse sind kanalisiert, die natürlichen Auslaufbecken wurden dicht gemacht. Sind Sie gegen die Folgen des Hochwassers versichert? Nein.Wir haben uns das durchgerechnet.Wenn etwas passiert, und ich nehme die Versicherung in Anspruch, kommt im nächsten Jahr der Agent, erhöht die Prämie und schlägt noch 25 Prozent Verwaltungskosten drauf.Da ist es billiger für uns, wir bezahlen die Schäden selber.Obwohl ich mich nicht beklagen will. Nein? Nee.Was kann die Allgemeinheit dafür, dass das Haus hier steht. DIE FRAGEN STELLTE MARK SPÖRRLE
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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