Zur Hölle mit dem Himmel!
Nie wieder campen, hieß das Gelübde. Dann versprach ein Reiseveranstalter Zelten für Nichtzelter in der Toskana. Das klang gut. Bis der Regen kam
S ie war, kurz, eindeutig und prägnant, eine Erfahrung mit dem Charakter einer Ohrfeige. Das abends aufgestellte Zelt ertrank schon in der ersten Nacht im Regen, der auf die holländische Insel herunterfiel. Die Zeltbewohner verbrachten die Nacht damit, sich in einer Telefonzelle zu drängeln. Am Morgen fuhren zwei von ihnen, die beiden Jungs, düpiert nach Hause. Die beiden anderen wurden Zimmermädchen im Strandhotel, schüttelten vier Wochen lang gegen freie Kost und Logis Betten auf und kehrten nach einem fidelen, vom neuen Schuljahr hart abgebremsten Sommer mit einem Doppelgelübde zurück.
Erstens: wiederzukehren ins Strandhotel, sofort nach dem Abitur. Zweitens: nie mehr im Leben zu zelten und vor allem nie Zelter zu sein. Nie dieser so verbissenen wie beschränkten Spezies anzugehören, für die Verreisen nichts anderes darstellt als das Verladen und Überwachen eines auf Miniaturform zugespitzten Haushalts. Alles, übernachten im Freien, in Bahnhöfen und windigen Pensionen, aber nicht zelten.
Die Grissini lassen sich hängen
Das Gelübde, abgelegt also in der Jugend, wurde gehalten, lange, fast ein Vierteljahrhundert. Dann, im Juli 2002, wurde es gebrochen. Die Sonne, die den Abscheu schmelzen ließ, heißt Eurocamp. Ein Reiseunternehmen, das die vernünftige Idee verfolgt, Menschen das Zelten schmackhaft zu machen, die sich dagegen sträuben, Zeltbesitzer, Zeltherankarrer, Zeltaufbauer zu sein und die außerdem Kinder haben, für deren stundenweise Beschäftigung urlaubende Eltern in höchstem Maße dankbar sind. Zelten für Nichtzelter sozusagen. Die Zelte sind prima, sie lassen sich nach zwei Seiten hin öffnen, sie stehen, wie versprochen, im Schatten, sie enthalten richtige Betten, Kochherd, Kochgeschirr, Stühle, Tische, Sonnenliegen, die Kinderfreizeit ist freundlich und durchdacht. Gegen das Modell ist nichts einzuwenden.
Dennoch wurde der Verrat am eisernen Vorsatz, nie zu zelten, mit märchenhafter Konsequenz bestraft. Denn es ist so, dass wir in einem Zelt sitzen, nicht an der meteorologisch heiklen Nordsee, sondern in der Toskana, 70 Kilometer südlich von Siena, und es regnet. Es regnet Tag und Nacht, noch einen Tag und noch eine Nacht, die Wege des vorzüglichen italienischen Campingplatzes haben sich in Schlamm verwandelt, der Anfangsoptimismus, Länger als einen Nachmittag regnet's hier nie im Sommer!, ist der Einsicht in die Ausnahmesituation, So hat es hier seit Jahrzehnten nicht geregnet!, gewichen.
Dieser Urlaub ist in erster Linie eine Herausforderung an die Disziplin. Wir wickeln morgens, sofort nach dem Aufwachen, das Bettzeug in Plastikfolie und tragen es zum Auto, damit es bei angeschalteter Standheizung trocken bleibt.
Alles andere im Zelt ist feucht, allein von der Luft. Hervorragend lässt sich die Durchfeuchtung der Textilien und Utensilien am Dahinwelken eines Bündels Grissini studieren, die auf dem kleinen Tisch in einem Glas stehen und sich nun, Stängchen für Stängchen, wie ein alter Strauß Nelken immer weiter nach unten neigen. Am zweiten Regentag müssen wir mit dem Mikadospielen aufhören, da die Finger am Holz kleben bleiben.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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