Zweiter heißt: Verlierer
Am unsozialsten ist die Marktwirtschaft im Sport. Die Ersten bekommen hoch dotierte Werbeverträge, die Zweiten nichts. Das will eine kleineAgentur ändern
Manchmal denkt Peter Nikiferow daran, wie es gewesen wäre, wenn er Fußballer geworden wäre. Dann hätte er vielleicht eine Menge Geld auf dem Konto und wäre jetzt, mit 31 Jahren, auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Wenn nur seine Eltern größer gewachsen wären, vielleicht etwas über 1,75 Meter, guter Durchschnitt eben. Was dann wohl anders gelaufen wäre.
Aber die Eltern sind klein, zu klein, um einen Fußballer in die Welt zu setzen. Das ist allen klar, auch den Sportfunktionären in der DDR, die den kleinen Peter bei Kindersportfesten beobachten. Eines Tages sprechen sie die Nikiferows an, begutachten Vater und Mutter, befühlen dem vierjährigen Kind die Muskeln und sagen: Der wird nicht groß, der kann turnen. Sie sagen nicht: Der wird mal Weltmeister. Oder: Aus dem machen wir einen ganz Großen.
Sie sagen nur: Der wird nicht groß, der kann turnen. Und das stimmt. Peter Nikiferow kann turnen, gar nicht mal schlecht. Er wächst 1,60 Meter hoch und beinahe ebenso breit, also optimal für einen Turner, aber leider stößt er auf der Sportschule in Berlin-Hohenschönhausen ziemlich schnell an seine natürliche Grenze. Die heißt Andreas Wecker und wird in den Neunzigern Deutschlands bester Kunstturner werden, 1996 sogar Olympiasieger.
Manchmal, wenn Andreas Wecker schlecht drauf ist oder verletzt, kann Peter Nikiferow ihn schlagen, bei den Deutschen Meisterschaften zum Beispiel. Als Junior wird er sogar Europameister am Barren. Aber eigentlich verbringt Peter Nikiferow sein Leben auf dem zweiten Platz, manchmal auch auf dem dritten.
Mir fehlten wohl das ganz große Talent und auch die körperlichen Voraussetzungen. Es gab immer welche, die es besser konnten als ich. Während Andreas Wecker sich Olympia-Gold am Reck erturnt, sagt Peter Nikiferow: Für mich ist es schon ein Erfolg, dabei zu sein. Das Wichtigste ist, dass ich die Leistung bringe, die ich bringen kann. Er wird in Atlanta 17. im Mehrkampf und in Sydney 10. mit der Mannschaft. Sponsoren hat er keine.
Es gibt sowieso nur zwei Menschen, die mit Turnen viel Geld verdient haben.
Der eine ist Eberhard Gienger, der bei Olympischen Spielen, Welt-, Europameisterschaften und Weltcups insgesamt 18 Medaillen gewann. Der andere ist Andreas Wecker. Peter Nikiferow bekommt monatlich ein kleines Salär von der Sportfördergruppe der Bundeswehr. Im April 2001 verabschiedet er sich von der Nationalmannschaft, ohne Ruhm, dafür aber mit kaputten Gelenken. Wir wussten immer, dass wir von vorne anfangen können, wenn die große Zeit vorbei ist. So geht es ja in den meisten Sportarten. Das Ergebnis der jahrelangen Quälerei ohne die Aussicht auf den ganz großen Sieg passt in eine Vitrine, die in der Wohnung von Peter Nikiferow steht. Zwölf Medaillen und Pokale, die wichtigen, liegen dort, so dass die Besucher sie ansehen können. Medaillen vom Weltcup und der WM. Und natürlich die Medaille von 1996, als Peter Nikiferow bei den Deutschen Meisterschaften Andreas Wecker besiegte. Ein Hauch von Ruhm hinter einer blank polierten Glastür.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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