Eine herrliche Zeit begann, alles erschien in einem helleren Licht
Sie kam als erstes von acht Kindern eines Dekorations- und Theatermalers in Graz zur Welt. Aus finanziellen Gründen unterrichtete der Vater sie selbst.
Erst als die Familie nach Prag übergesiedelt war, konnte sie mit neun Jahren für ein Jahr die zweite und letzte Klasse der Grundschule besuchen. Damit war der öffentliche Unterricht für uns Mädchen beendet, schrieb sie später.
Sie las aus Vaters Bücherschrank am liebsten Theaterstücke.
Durch den väterlichen Kontakt zum Theater begann sie ohne die Einwilligung der Eltern als 14-Jährige Theater zu spielen mit leidenschaftlicher Energie setzte sie Auftritte am Amateurtheater und später am Prager Stadttheater durch. Dort lernte sie zwei Jahre später ihren Mann kennen, einen akademischen Maler ohne feste Stelle. Sie heirateten, obwohl seine Eltern die unbegüterte Schwiegertochter, die Schauspielerin war und sich auch noch der Befolgung religiöser Riten widersetzte, erbittert ablehnten. Ein Zustand der Leidenschaft schien mir Bedürfnis, schrieb sie, und: Wir waren beide blutjung und blutarm, aber voll Vertrauen in unsere Talente.
Sie spielte die jugendliche Liebhaberin und wurde kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes fristlos entlassen. Die folgenden Schwangerschaften verhinderten ihre Berufsausübung, wodurch die Familie gegen bittere Armut kämpfen musste. Trotz der Kinder nahm sie ein Engagement an, auf kleinen Bühnen zu spielen. Dann erhielt sie ein besseres am Prager Nationaltheater.
Sie spielte unter anderem das Gretchen im Faust, die Jungfrau von Orleans und Maria Stuart, aber die Belastung war zu groß, sodass sie einen Zusammenbruch erlitt und ihre erfolgversprechende Laufbahn mit 24 Jahren wegen eines schweren Lungenleidens aufgeben musste. Glücklicherweise erhielt ihr Mann eine gut dotierte Stelle als Theatermaler am Wiener Burgtheater. Ihr Sohn Karl schrieb später: Wir verließen nun den Bereich ständiger Bedürftigkeit und stiegen auf in das des soliden, bürgerlichen Wohlstandes.
Während ihrer zehnjährigen Krankheit, in der sie ans Bett gefesselt war, hatte sie viel Zeit zu lesen und sich autodidaktisch zu bilden. Ich las, ich lernte mit meinen Kindern. Besonders die Hinwendung ihres ältesten Sohnes Karl zu sozialistischen Ideen regten sie zum Studium der Schriften von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle an. Die Wiener Neustädter sozialdemokratische Zeitschrift Die Gleichheit und die Pariser Commune wurden in der Familie zum emotionalen Brennpunkt der neuen Weltanschauung. Mit diesem revolutionären Aufstand fühlte und litt der junge Karl und seine mit ihren Kindern jung gebliebene Mutter. Es scheint, dass die seelische Gehobenheit der Krankheit Einhalt gebieten konnte: Diese Freude am Leben wirkte ... ungemein günstig auf meinen Körper ... Was zerstört war, blieb freilich zerstört, aber ich fühlte mich wieder jung, innerlich gekräftigt und willensstark, schrieb sie später, und: Eine herrliche Zeit begann, alles erschien in einem helleren Lichte, meine Energien erwachten, das Leben gewann an Schönheit und Bedeutung. ... Ich fing zu schreiben an, ich hatte etwas zu sagen.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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