MENSCHENRECHTE Abgestillt
Vor acht Monaten brachte Amina Lawal eine Tochter zur Welt und nannte sie Wasila. Das Mädchen und seine Mutter leben in Katsina, im Norden Nigerias. Katsina gehört zu den zwölf Bundesstaaten, in denen die Scharia-Gerichte über Recht und Gesetz entscheiden. Dieben werden die Hände abgehackt, Frauen wie Amina Lawal droht der Tod durch Steinigung. Was hat sie Schlimmes verbrochen?
Amina Lawal brachte ein Kind zur Welt und wurde deshalb - zwei Jahre nach ihrer Scheidung - wegen Ehebruchs angeklagt. Die Scharia-Richter wollen sie deshalb nur so lange am Leben lassen, wie sie ihre Tochter stillen kann. Diesem Zynismus konnten die Verteidiger Lawals nur mit einem absurden Argument entgegentreten. Es handele sich gar nicht um Ehebruch. Der geschiedene Ehemann sei dennoch der Vater des Kindes. Der Fötus habe einfach monatelang im Mutterleib geruht und sich erst dann weiterentwickelt.
Schon einmal hatte dieses Argument einer Frau in Nigeria das Leben gerettet: Sufiyatu Husseini, die ein uneheliches Kind geboren hatte und der das gleiche Schicksal drohte. Im Berufungsverfahren waren die islamischen Richter damals von der "ruhenden Schwangerschaft" überzeugt worden. Bei Amina Lawal jedoch lehnten sie ab. Jetzt soll das höchste Gericht Nigerias befinden, ob solche Urteile verfassungsgemäß sind. Bejahen sie diese Frage, wird Amina Lawal in sechzehn Monaten bis über die Hüften eingegraben und so lange mit Steinen beworfen, bis sie stirbt.
Ihr Freund indes hatte auf den Koran geschworen, nicht der Vater des Kindes zu sein. Er wurde verschont.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 35/2002
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