Alles anders

Die Politik ist zurück. Aber wen sollen wir wählen?

Deutschland atmet auf, denn der lange Sommer der Apathie ist vorüber. Das ZDF unterbricht seine Volksmusik und sendet richtige Nachrichten. "Die Lage ist ernst." Das Guidomobil dümpelt im Brackwasser von Dresden, während die Sonne der Spaßgesellschaft über den Finanzruinen der Börsen-Yuppies versinkt.

Neinsager und Nichtwähler, verlorene Schafe und bunte Vögel strömen zurück in den Zuschauerraum der Demokratie, von TV-Moderatoren willig begrüßt.

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"Herzlich willkommen, auch von hier aus."

Die Politik ist zurück, und das ergibt einen Unterschied. Aber wo ist dieser Unterschied? Machen wir den Test und stellen uns vor, es gäbe einen Wettstreit der Positionen - anonym, ohne Kandidaten. Zwei Schauspieler verlesen die Einlassungen der Politiker, ohne Nennung der Urheber, nur das reine und unschuldige Argument. Etwas so: "Die steuerliche Freistellung von Veräußerungsgewinnen bei großen Konzernen ist ein unsolidarischer Akt, der gegen das Grundprinzip der sozialen Gerechtigkeit verstößt." Stammt dieser Satz von Stoiber oder von Schröder oder gar von beiden? Noch ein Beispiel: "Die Förderung der sozialen Gerechtigkeit wird von Sozialdemokraten oft mit der Forderung nach Gleichheit im Ergebnis verwechselt. Wir müssen Bedingungen schaffen, in denen Unternehmen prosperieren ... Die Kriminalität bleibt für uns ein zentrales Thema." Ist das der entsicherte Stoiber mit einem Schuss Beckstein? Oder Schröder in Prosecco-Laune, rechter Hand Tony Blair und rechts außen Otto Schily?

Wo politische Unterschiede im Wahlkampf verschwinden, werden sie durch persönliche ersetzt. Sie gelten der farbechten Haartönung oder der Höchstdauer, mit der ein Kandidat in unfallfreien Sätzen spontan das Parteiprogramm zitiert. Die Lähmung des politischen Streits entsteht also nicht, wie viele glauben, durch übertriebene Harmonie, sondern durch das Gegenteil: durch den medial entfachten Kampf der Differenz, durch die Frage nach Kleidung und Mimik, Geste und Charakter. In der hysterischen Erzeugung persönlicher Unterschiede gleichen sich die Kandidaten aufs Haar, während der Wähler, das gebrannte Kind, weiß, dass es nach der Wahl politische Differenzen gibt, die sich gewaschen haben, nicht nur im Fall der Kapitalgesellschaften. Doch die realen Entscheidungen fallen erst, wenn der Wähler seine Stimme abgegeben hat. Bis dahin herrscht, unter Beteiligung der Sozialdemokratie, das Gesetz der Unentscheidbarkeit. Das ist das Paradox der Mitte, die wahllos gewählt werden will.

 
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