Altmacht
Parteien? Klassen? Geld? Alles trivial. Was zählt, sind Jahresringe
Für die Älteren unter uns war die Nachbereitung von Schröder/Stoiber das Feinste an dem Duell (aber davon gleich mehr). Kaum hatte sich unser Kanzler die kleine Übertragungsbox vom Leib gerissen, kaum hatten wir Atem geschöpft nach den wuchtigen rhetorischen Schlägen, welche die beiden Kämpfer fast von den Podesten gerissen hätten, da durften wir auf allen Sendern erfahren, was Sinn und Semiotik dieser Veranstaltung gewesen sei.
Da beantwortete eine halbe Kompanie von Experten und Parteigängern fast, aber nur fast, alle kritischen Fragen: Wer denn den besseren Schneider (Schröder), die weißeren Zähne (Stoiber), die sonorere Stimme (Schröder), das anheimelndere Lächeln (Stoiber) hatte. Und wer sein Pult fester umklammert hatte (beide). Oder solche minderrangigen Fragen wie: Wer hat das Duell gewonnen, wer wird der Deutschen nächster Kanzler sein? Ohnehin können derlei nicht die Experten, sondern nur jene 45 Prozent der Wahlberechtigten beantworten, die der stärksten Partei, der Partei der Unentschiedenen, angehören. Und das erst im allerletzten Moment der Wahrheit, in der Wahlkabine.
Die interessanteste Antwort lieferte eine Frage, die nicht gestellt worden war - die Machtfrage schlechthin: Wer verwaltet in dieser Republik das hochpolitische Gut "Deutung & Sinnstiftung", also die wirklich entscheidenden Machtfundamente, gegenüber denen Kapital oder Koalition bloß Treibsand sind?
Oder genauer: Nicht welcher Partei, sondern welcher Altersgruppe gehören diese Herrscher an? Antwort: Sie sind weit über das Alter (49) hinaus, wo sie für Werbung und Fernsehen noch interessant sind. Bislang! Also: Friedrich Nowottny (73), Horst Ehmke (75), Heiner Geißler (72), Peter Glotz (63), Peter Boenisch (75), Erhard Eppler (75), Dieter Kronzucker (66) ...
Die Komposition dieser Runden ließ ahnen, dass Klasse und Stand, Region oder Religion, eben die klassischen Kategorien des Machtkampfes, solche von gestern sind. Alter, und zwar fortgeschrittenes, sticht sie alle aus. Das ist auch kein Zufall, wie unsere marxistischen Freunde zu sagen pflegten. Es ist die Notwendigkeit. Die Alterskohorte der 60 plus wird bald die stärkste im Lande sein. Sie wird die Konsummacht besitzen, mithin auch die (indirekte) Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel. Und über das Fernsehen sowieso.
MTV und Viva - vorbei, vorbei. Dito Nikes und Rollerblades. Wir werden nicht mehr verschämt von "Senioren" reden, wenn wir die Rentner meinen. Sie werden "das Volk" sein, und die anderen "Junioren" oder "Youngies". Es beginnt das Regiment der grauen Anzüge.
Als Erste, wiewohl unbewusst, haben das unsere Fernsehmacher in dieser Nacht der Nachbereitung erkannt. Die Alterspyramide ihrer Talkrunden spiegelte nicht Verlegenheit wider, sondern die Zukunft. Von unseren Werbefexen verachtet, von unserer Jugend verlacht, wird dem Alter wieder die Ehre zuteil, die ihm gebührt - und die es in unserer abendländischen Zivilisation jahrhundertelang genossen hat.
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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