Ansichten eines Wirtschaftsprüfers
Enron, Worldcom und jetzt die Bankgesellschaft Berlin: An jedem Skandal sind die Kontrolleure beteiligt. Ein Insider erklärt das Geschäft
Also gut, nennen wir ihn Prax. Konrad Prax, Wirtschaftsprüfer aus Berlin, 38 Jahre alt. Er hatte darauf bestanden: Pseudonym, kein Foto. Auch keine Aufnahme von hinten, auf der er nicht zu erkennen ist. Ein unliebsamer Zeitungsartikel mit seinem Namen und seinem Foto könnte Schaden anrichten, sagt Prax. "Und das in der derzeitigen Situation ..."
Die derzeitige Situation ist genau das Problem. Noch nie stand die Zunft der Wirtschaftsprüfer in der Öffentlichkeit so schlecht da. Der Ruf des von sich selbst überzeugten Berufsstandes ist gründlich ramponiert. Als Schlamper und Trickser müssen sich die Bilanzprüfer beschimpfen lassen. Es muss schon weit gekommen sein, wenn ein sonst so diplomatischer Mensch wie Bundesbank-Präsident Ernst Welteke ein derart vernichtendes Urteil fällt: "Wirtschaftsprüfer erkennen die Probleme eines Unternehmens oft als Letzte.
Auf sie ist also kein Verlass." Nun ist die Branche nervös. Man igelt sich ein.
Den Imageschaden haben sich die Prüfer selbst zuzuschreiben. Es häufen sich Meldungen über dubiose Buchhaltungspraktiken in Konzernen, die von renommierten Prüfern abgesegnet wurden.
Vorläufiger Höhepunkt der Skandalchronik: Die Bilanzen der skandalgeschüttelten Berliner Bankgesellschaft sollen jahrelang falsch testiert worden sein. Im Zentrum der Kritik steht die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO Deutsche Warentreuhand aus Hamburg. Das Handelsblatt und das ARD-Magazin Kontraste berichteten, die BDO-Prüfer hätten die eindringlichen Warnungen eines Sondergutachtens aus dem Jahr 1997 ignoriert. Die Expertise hatte auf Risiken im Immobilienfondsgeschäft sowie Ungereimtheiten in der Bilanz der Bankgesellschaftstochter IBG hingewiesen.
Die BDO, der das Sondergutachten vorlag, habe jedoch die Bilanzen der IBG weiterhin anstandslos testiert. Die Prüfungsgesellschaft weist die Vorwürfe zurück.
In Amerika sind Berichte über schlampige Wirtschaftsprüfer an der Tagesordnung. Spektakulärster Fall: der Konkurs des Telekommunikationsriesen Worldcom. Der Konzern hatte in den vergangenen anderthalb Jahren seine Bilanzen um 3,8 Milliarden Dollar frisiert. Abgesegnet wurde das Zahlenwerk von den Revisionsprofis der Prüfungsgesellschaft Arthur Andersen.
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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