Auf frecher Mission
Ludwig Stiegler, verhinderter Prediger und frommer Polemiker, ist am Ziel: als Allrounder auf der Kanzel der Sozialdemokraten. Von hier soll er die Stammwähler wachrufen
Wann immer der alte Fraktionsvorsitzende der SPD, Peter Struck, ans Rednerpult im Bundestag schritt, seine Manuskriptblätter glättete und zu sprechen anhob, widerlegte er gekonnt das seit Perikles und Demosthenes gehegte Vorurteil, Politiker müssten vor allem Rhetoriker sein, um ihren Beruf auszuüben. Es geht hierzulande auch ohne Betonung. Ohne Schwung oder Girlanden. Und ohne Gefühl oder Polemik. Man kann im deutschen Parlament Vorlagen und Vermerke ablesen wie ein Notar, eine Hand fest am Rednerpult, während die andere in Schulterhöhe hoch- und niederfährt wie eine nervöse Bahnschranke. Hatte Konrad Adenauer das Land nicht mit einem Vorrat von nur 850 aktiven Worten ("hück nahmiddach mach isch die Rohsen, hück ovend mach isch nach Pariss") in Sicherheit und Wohlstand geführt? Da müssten doch 600 Wörter für eine Fraktion reichen?
Und nun soll der sprachmächtige neue Fraktionsvorsitzende Ludwig Stiegler, des klassischen sozialdemokratischen Vortrags vom Manuskriptblatt völlig unfähig, die Abgeordneten, die Wähler gar aus der wortkargen Welt Strucks in die rhetorische Abenteuerlandschaft des Wahlkampfs führen - bloß weil Verteidigungsminister Scharping sein Amt aus sittlichen Gründen verlassen und Struck ins Kabinett nachrücken musste? An diesem Donnerstag hat er seinen ersten Auftritt, bei der Sondersitzung des Bundestages zur Flutkatastrophe.
Das ist der deutsche Sommer im Wahljahr 2002: Klimatische, biografische, ästhetische und politische Zumutungen, wohin man blickt - nur einem verschlägt's nicht die Sprache, Ludwig Stiegler. Warum auch?
Genosse Aristoteles
Der 58-jährige Berufspolitiker und erfolgreiche Rechtsanwalt im Nebenberuf ("Ich könnte eine Million im Jahr verdienen") verkörpert all jene linken gesellschaftlichen Aufstiegs- und Emanzipationshoffnungen, die sich seine Generation - meist ohne irgendeinen Arbeitersohn zu kennen - in den sechziger Jahren gemacht hatte: Der bitterarme Bub aus dem Einödhof in der steinigen Oberpfalz, der "mit zwölf Jahren die erste Eisenbahn" sah und dessen Vater im Kalksteinbruch für einen Bettellohn sch uftete, der auf dem Strohsack schlief und im Winter seine Füße an einem erhitzten Backstein unter der Bettdecke wärmte, dieser Stiegler also ist der wahre Abgesandte aus dem "proletarischen Bildungsreservoir", das die 68er in romantischer Hoffnun g für ein besseres Deutschland mobilisieren wollten.
Damals war Stiegler auf dem linken Ohr noch ziemlich taub. Denn in seinem Falle hatte ein gewisser Pater Noll vom jesuitischen Orden der Clarentiner ähnliche Hoffnungen, wenngleich in weltjenseitiger Absicht gehegt, als er den hochbegabten Messdiener aus dem abgelegenen Elternhaus hervorhob in die "Kongregation der Söhne des Unbefleckten Herzens Marias". Priestermaterial für ein kernkatholisches Internat bei Neu-Ulm, das der junge Stiegler aufgrund sittlicher Unbotmäßigkeiten im Umgang mit Klosterschülerinnen (Fensterkletterei am Blitzableiter inklusive) nach vier Jahren wieder verlassen musste. Da hatten allerdings linkskatholische Soziallehren bereits sein Gemüt durchdrungen, von den rhetorischen und philosophischen Schönheiten der griechischen und römischen Klassik ganz zu schweigen. Über die Geschichte seiner späteren Glaubenskrise, die wohl eher ein Dogmenabfall war, mag er nicht sprechen. Auf alle Fälle fand er von einer geistigen Wohngemeinschaft, der Kirche, den direkten Weg in die andere - die Sozialdemokratie.
Im gleichen Alter, in dem Stieglers parlamentarischer Widerpart von heute, Unionsfraktionschef Friedrich Merz, seine Pubertät auf frisierten Mopeds im Sauerland auskostete, versank der junge Ludwig in den politischen Texten der Arbeiterbewegung. Und in denen von Aristoteles: Ein nicht zu unterdrückendes Gefühl für dikaiosyne, für Gerechtigkeit und ihre friedensstiftende Funktion in einer geordneten Gesellschaft, wurde zur Triebfeder des geborenen zoon politikon. Gern zitiert Stiegler heute die altgriechischen Parteifreunde, aus Lust am antiken Wissen, ohne Bildungsprotz. Ein Marx-Zitat hingegen findet sich so schnell nicht in den Stiegler-Protokollen des Bundestags. Und nicht die Marx-, sondern die Platon-Kenntnisse unterscheiden, bei gleicher Herkunft aus deutscher Armut mitten im Wirtschaftswunder, den neuen Fraktionschef von Gerhard Schröder - den verbindet mit der griechischen Klassik allenfalls das alles entscheidende Wörtchen praxis.
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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