Ces Allemands!

Korrespondenten ausländischer Medien kommentieren den deutschen Wahlkampf. Der französische Blick

Es war einmal eine Zeit, da war das Urbild des Politikers beiderseits des Rheins leicht zu identifizieren. Auf deutscher Seite: Provinzler in Strickjacken mit vergoldeter Krawattennadel (aus dem rechten Lager) oder in Turnschuhen und Jeans, mit einem schwarzem T-Shirt unter dem unförmigen Jackett (links). Die deutschen Politiker waren gemütlich und volksnah, anständige Männer und fromme Tribune. Ihr regionaler Dialekt galt als charmant, ihre fehlende Bildung als sympathischer Beweis ihrer Bescheidenheit.

Auf französischer Seite: Hochnäsige Absolventen der Eliteschule ENA in Dreiteilern, die in ihren Reden genauso kunstfertig mit dem historischen Präteritum umgingen wie auf Staatsbanketten mit der Gabel. Die französischen Politiker waren großbürgerlich, steif und eloquent. Sie siezten ihre Frauen und überhäuften ihre Mätressen mit Geschenken auf Rechnung des Steuerzahlers.

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Die beiden unvereinbaren Typen verstanden sich prächtig. Niemand hat je begriffen, welche geheimnisvolle Anziehung das Paar Mitterrand/Kohl so zusammenschweißen konnte. Mitterrand, der gern über Saint Augustin dozierende Grandseigneur, und Helmut Kohl, der in Hosenträgern zu Saumagen ins Esszimmer der Familie einlud.

Aber unsere Politiker unterziehen sich gerade einer sonderbaren Häutung.

Jean-Pierre Raffarins Aufstieg markiert eine Revolution in der politischen Kultur Frankreichs. Endlich ein Premierminister, der nicht auf die ENA gegangen ist. Endlich einer aus der Provinz, der (und das ist seine Masche) das "Frankreich von unten" verkörpert. Raffarin schweift durch die Gänge der Pariser U-Bahn, schwätzt mit dem einfachen Volk und schafft pompöse Rituale ab. Er spricht einfach, direkt, konkret. Keine Affären, keine Lügen, keine Mätresse. "Es ist noch gar nicht lang her, da war das noch altmodisch", amüsiert sich seine Frau.

Auf den Gängen des Bundestags hätte Raffarin sich wie ein Fisch im Wasser gefühlt. Allein: Jetzt wollen die deutschen Politiker - auch wenn sie sich damit brüsten, für die "Wohnzimmer" (Schröder) oder die "kleinen Leute" (Stoiber) zu sprechen - ihrerseits geadelt werden. Deutschland hat ein neues Verb erfunden, das in den Medien sehr in Mode ist: menscheln. Alles, was nah am Volk ist, wird herablassend abgelehnt. Man muss nur zusehen, wie sich die beiden Rivalen im Wettkampf um das Kanzleramt abmühen, um die Männer von Welt zu geben. Edmund Stoiber arbeitet an seinem Akzent und gestikuliert nicht mehr wie ein verrenkter Hampelmann. Er hat trainiert wie ein molièrescher Biedermann, der dringend bis zum 22. September ein Edelmann werden muss.

Gerhard Schröder wiederum setzt eine schwere Miene auf, trägt das weiße Hemd der Großen dieser Welt, die er seit vier Jahren frequentiert, und lässt regelmäßig ein Rilke-Zitat in seine Reden gleiten.

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