Das Hannover-Prinzip
Wo Gerhard Schröder draufsteht, ist die niedersächsische Landeshauptstadt drin. Eine Ortsbesichtigung auf der Suche nach dem Stil des Kanzlers
Vision und Wirklichkeit. "Ich freue mich." Es ist der 1. Juni 2000, und es spricht der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Herr Gerhard Schröder. "Ich freue mich für Niedersachsen, ich freue mich für die Stadt Hannover - und ich freue mich auch ganz persönlich." Erinnert sich noch jemand? "Schließlich habe ich mich seit geraumer Zeit, seit fast genau zehn Jahren, für die Verwirklichung dieses Projekts eingesetzt." 1. Juni 2000?
Richtig: die Weltausstellung! In Hannover! "Vorstellungen und Visionen für das künftige Zusammenleben der Menschen" sollen hier gezeigt werden. Sagt der Kanzler. "So kann die Expo 2000 das Versprechen einlösen, das sie in ihrem Titel 'Mensch - Natur - Technik. Eine neue Welt entsteht' trägt."
Inzwischen ist die neue Welt bei dem Makler Engel & Völkers im Angebot, und ihr wichtigstes Zubehör ist das Absperrgitter. "Gewerbeimmobilie zu verkaufen" steht auf der Plastikplane an der haushohen schwarzen Holzkiste, vor deren verrammeltem Eingang dieser Sommer einen hübschen See angelegt hat.
War das nicht der schwedische Pavillon? Auch der spanische ist noch zu haben, "Fassade aus Kork von Estremadura" verspricht das kaum verwitterte Messingschild, Telefon 0172-759 62 85. Wo zwischen kühn sich aufschwingenden Holzwänden Ungarn war, ist nun "Raum für Ihre Ideen", für nur neun Euro den Quadratmeter. Das Land, in dessen voll gerümpeltem Innern die Zitronen verblühn, ist die Türkei. An die große Glasfront Tschechiens hat jemand eine Metallbox aus dem Baumarkt gepappt
in dem toten Briefkasten wohnen die Digital Hair Color AG und eine Stiftung Horizonte. Beim einstigen Publikumsliebling aus den Niederlanden schießt das Unkraut am höchsten, in der mittleren der drei Landschaftsetagen verdorren die Bäume. Und das Einzige, was in der dänischen Dependance noch funktioniert, ist die Glühbirne im Leuchtschild Notausgang.
So viel Symbolik war nie. Nachhaltigkeit galt als Zauberwort der Expo, aus allem sollte auch nach der Finissage was werden können. Zu Teilen hat das sogar geklappt, die Iren nahmen ihre Hütte mit nach Hause, der Christus-Pavillon ist jetzt Klosterkirche im Thüringischen, und der riesige japanische Pappkarton ist vorschriftsmäßig verrottet. Wo Polen war, ist nun der 9 Drachen Park, ein asiatischer Fress- und Kulturtempel, in dem außerdem die Pavillons von Bhutan und Laos Obdach gefunden haben. Ab und an tritt hier ein vietnamesisches Wasserballett auf, und gegenüber, beim Belgier, der jetzt Peppermint Pavillon heißt, gibt gelegentlich ein E-Bass Laut: Der Hannoveraner Hitproduzent Mousse T. hat hier sein Studio. Der Rest ist Tristesse. Hinter Deutschlands schwungvoll gebogener Glasfassade gähnt das Nichts.
Ist es fair, Gerhard Schröder, den Medienkanzler, an der größten Show seiner Amtszeit zu messen? Immerhin saß er im Aufsichtsrat der Expo GmbH, und für seine Heimatstadt ging's mit einem knappen Plus aus. Fünf Milliarden Euro Investitionen flossen in die Region, die Stadt hat jetzt eine todschicke Straßenbahn, ein "Beschäftigungseffekt" von 100 000 Personenjahren soll eingetreten sein. Auf der anderen Seite steht die gigantische Visionsbrache am Stadtrand mit der trostlosesten Piazza der westlichen Hemisphäre. Unterm Strich blieb ein Minus von 1,1 Milliarden Euro. Das freilich geht nicht zulasten der Stadt, sondern von Land und Bund. Also zu unser aller Lasten.
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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