Das Letzte
Stöber oder Schroider? Sage keiner, das sei Hacke wie Jose. Unterschiede gibt es immer, und wo es Unterschiede gibt, haben wir die Wahl. Wer keine hat - nur der ist arm dran. Wo aber liegt der Unterschied?
Nehmen wir ein lebenspraktisches, glücklicherweise wissenschaftlich erhärtetes Beispiel. Die Rhinotillexomanie gilt, wie der Name schon sagt, als Manie oder gar Krankheit, und zu ihren Gunsten kann nur gesagt werden, dass sie für viele so lebenswichtig ist wie die Luft zum Atmen. The Journal of Clinical Psychiatry (vergleiche auch ZEIT Nr. 34/02) meldet, dass 65,1 Prozent aller "Rhinotillexomaniaks" (vulgo: Nasenbohrer) zum Bohren den Zeigefinger benutzen, 20,2 Prozent den kleinen Finger und 16,4 Prozent den Daumen. Da Mehrfachnennungen offenbar möglich waren, stellt sich natürlich die Frage nach den übrigen Fingern, von den Fußzehen zu schweigen, aber beschränken wir uns aufs Wesentliche, auf den Zusammenhang zwischen Rhinotillexomanie und Politik.
Er liegt nämlich aus zwei Gründen auf der Hand. Aus historischen, wenn man sich des wohl berühmtesten Rhinotillexomaniaks der deutschen Politik erinnert, des Professors Carlo Schmid (SPD), der seinerzeit ganze Plenarsitzungen damit beschäftigt war, sich Luft zu verschaffen. Und aus aktuellen Gründen: Die Wahl zwischen Zeigefinger, Daumen und kleinem Finger ist ja ähnlich schwer und leicht wie die zwischen Stöber und Schroider und, sagen wir, Westermann oder Möllewelle. Außerdem verrät sie natürlich etwas über den Wähler bzw. Bohrer, denn wer die Politik mit Max Weber als das Bohren dicker Bretter betrachtet, wird sicherlich den Daumen bevorzugen und Stoiber wählen, wer hingegen mehr von Symbolpolitik hält, ist mit dem Zeigefinger Schröders gut bedient, und Guidos kleiner Finger ist, wenn es wirklich weich auf weich kommt, bestimmt von Nutzen.
Dieser traurige Katastrophensommer mit Überschwemmungen, Mückenplage und Fernsehduell hat immerhin den Vorzug, dass er uns wieder den Respekt vor den konkreten, praktischen Dingen lehrt. Wer in dieser hoch technisierten Zeit hätte die glanzvolle Wiederkehr des Sandsacks vorhergesehen? Wer den beklagenswerten Mangel an kleinen, gelben Plastikfläschchen, die den seltsam autopoietischen Titel Autan tragen? Und wer die Wiederkehr der Zeichensprache?
Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen, der liest sie auf, der trägt sie nach Haus, und der Kleine, der isst sie alle, alle auf. So ist die Politik, wir haben die Wahl. Zeigefinger, Daumen, kleiner Finger - da tut sich eine ganz Welt auf.
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren