Das sechste Gebot
Erratum zum Artikel "Freiheit bis in den Tod" von Christian Schüle, Nr. 34
Eine Rückkorrektur ist angebracht. Es gibt in der Bibel die zehn Weisungen Gottes an sein Volk, den Dekalog (griechisch). Aber die Zählung (erstens, zweitens, drittens ...) steht nicht in der Bibel, sondern erst in deren Auslegung, zum Beispiel in den Katechismen der christlichen Kirchen. Diese Auslegung ist aber nicht einheitlich. Nach der römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen Zählung heißt das fünfte Wort: "Du wirst nicht töten", das sechste: "Du wirst nicht ehebrechen". In den reformierten Kirchen gilt eine auf Calvins Genfer Katechismus von 1537 (und den Heidelberger Katechismus von 1563) gründende andere Zählung, die in dem Artikel zu Recht verwendet wurde. Dort heißt tatsächlich das sechste Gebot: "Du sollst nicht töten", das siebte: "Du sollst nicht ehebrechen".
Der Unterschied in der Zählung erklärt sich daraus, dass die römisch-katholische und die evangelisch-lutherische Kirche (in Anlehnung an Augustinus) das zweite Gebot in Calvins Katechismus, das Bilderverbot (als vermeintliche Interpretation des ersten Gebots), ausgelassen und dafür das letzte Gebot in zwei Teilen gezählt hat, um wieder die Zehnzahl zu erreichen.
Dass die reformierte Zählung, die übrigens auch einer jüdischen Zählung im Talmud besser entspricht, näher an der Bibel liegt, steht außer Frage.
Prof. Rupert Feneberg Weingarten
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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