Dat isset!

Urlaub im Revier. Bergarbeiterfamilien vermieten im Norden von Essen Zimmer an privat

Es ist Freitagnachmittag, und über dem Essener Arbeiterstadtviertel Katernberg scheint die Sonne. Die Guthardts sitzen in ihrem Garten.

Hans-Joachim döst in der Hollywood-Schaukel, und Hannelore liest Der Schamane. Goldfischteich, Gartenzwerge und eine Laube mit Minibar und Gasofen, in der Hans-Joachim und seine Kumpel gern Karten kloppen, machen das Idyll rund. Ob man stören darf? Na, klar. Schließlich wurde einem Wohnen beim Bergmann mit Familienanschluss versprochen. Familie Guthardt wohnt in der Haldenstraße, gleich gegenüber von Schacht 1/2/8 der Zeche Zollverein.

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Und Bergleute hat Frau Guthardt genug in der Familie. Vater, Großvater und Urgroßvater, alle malochten sie auf Zollverein. Auch Gäste im Haus sind für sie nichts Neues. Um die Haushaltskasse aufzubessern, vermieteten ihre Eltern ein Zimmer an Kranz und Krause aus Bremen und Hamburg, die auf Zollverein Schacht 4 arbeiteten. Was früher die Kostgänger waren, sind heute Touristen, sagt Frau Guthardt und schenkt Apfelschorle nach.

Bed & Breakfast im Ruhrgebiet, Übernachten im Schatten des Förderturms. Nicht im Schwarzwald, nicht an der Ostsee, sondern in Schonnebeck, Stoppenberg und Katernberg, im finsteren Essener Norden. Karl Ganser, der visionäre Chef der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park, forderte Fantasie für Reisen ins Revier zu entwickeln. Dazu gehört nicht nur, mit den Schätzen der Industriekultur zu werben, sondern auch mit den verborgenen Pfunden zu wuchern, mit der Gastfreundschaft der Menschen, die das Grubengold zutage förderten. Rund um die stillgelegte Zeche Zollverein vermieten seit eineinhalb Jahren 14 Damen und zwei Herren private Gästezimmer. Das soll das Wirgefühl im Arbeiterbezirk stärken, und die Leute verdienen so ein paar Euro dazu.

30 Prozent Staub in den Lungen

Hans-Joachim Guthardt muss in einer Stunde wieder auf die Arbeit. Auf'n Bock, Postpakete von Hagen nach Frankfurt fahren. Doch, doch als junger Bursche hat er auch unter Tage malocht, auf der Zeche Hagenbeck, musste dann aber umschulen. 30 Prozent Staub in den Lungen. Seit 1969 fährt er deshalb Lkw. Bis nach Persien bin ich gekommen. Ich hab dem Schah seine Kraftwerke da runtergefahren von der KWU Mühlheim. Ich kenn wat vonne Welt. Hannelore nickt. Sie hat ja ihre Gäste und deshalb keine Langeweile. Hans-Joachim trinkt einen großen Schluck Apfelschorle und sagt dann: Meine Frau kann sich einen Hausfreund anschaffen. Wenn ich mal unverhofft nach Hause komm, schmeiß ich die Mütze durchs Fenster. Bleibt die Mütze drin, darf ich reinkommen, kommt die Mütze wieder raus, dreh ich noch ein paar Runden. Leicht verlegen stellt Frau Guthardt klar: Is nur'n Scherz. Dann erzählt sie noch ein bisschen von der Schwägerin in Florida, dem Seniorenkreis der Freien Evangelischen Kirche in Katernberg, den sie leitet. Dann muss ihr Mann auch schon los.

Frau Guthardt zeigt dem Gast das Zimmer für die Nacht. Es ist das Mansardenzimmer, wo früher die Hausmädchen der Steiger, der Bergbaubeamten, schliefen. Aus Bilderrähmchen lächeln einem Familienmitglieder entgegen.

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