Der Kuss des großen Onkels

Russland droht Weißrussland zu schlucken. Wladimir Putin inszeniert die feindliche Übernahme als Familienzusammenführung

Moskau

Manchmal geht es unter den Regenten slawischer Brüdervölker zu wie in den Reihen anderer ehrenwerter Gesellschaften. In Moskau drückte der Russe Wladimir Putin dem Weißrussen Alexander Lukaschenko einen symbolischen Bruderkuss auf die Wange. Doch die Zärtlichkeit zwischen den Präsidenten in Form eines Programms zur schnellen Familienzusammenführung kommt eher einem politischen Todeskuss gleich. Denn Putins Vereinigungsplan sieht vor, dass Lukaschenkos zehn Millionen Weißrussen und ihre Regionen gleichsam von Moskaus Reich absorbiert werden.

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Der russische Präsident setzt seinen Bruder im Geiste gerissener Machtpolitik erheblich unter Druck. Er schlägt ein Referendum und gemeinsame Parlaments- und Präsidentschaftswahlen bis 2004 vor. Damit könnte Putin sich zum ruhmreichen Rückeroberer "russischen" Bodens aufschwingen. Die slawischen Menschen darauf kämen Putins Generälen gerade recht, um dem Krieg in Tschetschenien neue Soldaten zu liefern.

Fortschritt riecht nach Diesel

Vor der Abfahrt aus Moskau grummelte Lukaschenko etwas von "Meinungsverschiedenheiten", wie sie in den besten Familien vorkämen. Doch daheim in Minsk brauste er in historisch verwegenem Vergleich auf: "Selbst Lenin und Stalin dachten nicht daran, die Republiken zu zerschlagen und sie dann in die UdSSR einzugliedern!" Niemand lasse es zu, dass Weißrussland in Stücke geschnitten werde. Der Bruderzwist mit Putin gärt schon länger. Im Juni stieß der russische Präsident Lukaschenko vor den Kopf, indem er betonte, dass eine Vereinigung keinesfalls den Interessen Moskaus schaden dürfe. Mit Gespür für die passende Kulisse warf er dem Weißrussen beim Besuch eines Moskauer Herz-Kreislauf-Zentrums vor, dieser wolle die Sowjetunion wiederbeleben.

Tatsächlich denkt Lukaschenko noch in den Kategorien des Kalten Krieges und wittert hinter jeder Druckerpresse "feindliche Elemente" und in jeder Westdelegation eine "Gruppierung, die es zu entlarven" gelte. Wie zu sozialistischen Zeiten erhalten Helden der "Schlacht um die Ernte" unter Balalajka-Klängen und Tamburinschlägen Bestarbeiterprämien. Die Mehrzahl der Weißrussen, unter denen Pensionäre und Exmilitärs überproportional stark vertreten sind, lebt gern im Dunst sowjetischer Nostalgie.

Statthalter und Kartoffeldirektor

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