Die Entdeckung der Anus-Vulva-Achse

Hans-Ulrich Treichels gehobener Unterhaltungsroman über den akademischen Trottel

In Marmorblöcke vor seiner Universität habe er, behauptet der Philosoph Heinz von Foerster, ein wahrer Weiser, die beiden Fundamentalsätze seiner pädogischen Überlegungen einmeißeln lassen: "Auch vom Dümmsten kann man lernen"

und: "Lasst sie deppert sterben".

Anzeige

Hans-Ulrich Treichel, eine der größten Begabungen unserer gegenwärtigen Literatur, jetzt auch schon 50 Jahre alt, hat, zu seinem eigenen Schaden, nur das zweite Prinzip berücksichtigt. Er hat wieder einmal einen Trottel zum Helden seines Romans gemacht, aber nie versucht, von ihm zu lernen, sondern, im Gegenteil, alles getan, um aus seiner Dummheit Kapital zu schlagen.

Deshalb ist Treichels neuer Roman (der Mann hat zweifellos Humor) auf die allerunterhaltsamste Weise in die Hose gegangen, was man auch wörtlich verstehen darf.

Albert, ein Student der Kunstgeschichte, ist nur widerwillig aus Rom nach Berlin zurückgekehrt. Sein Vorhaben, mit zwei Kommilitonen eine Altstadtwohnung in der Nähe des Campo de' Fiori zu mieten, scheiterte an dem schlichten Umstand, dass es in Rom keine "freien Altstadtwohnungen" gab.

Zurückgekommen, nimmt er sein kunstgeschichtliches Studium bei einem Caravaggio-Spezialisten wieder auf, obwohl er schon bei seinen ersten akademischen Freiübungen "nicht die besten Erfahrungen" gemacht hat. Dabei scheint das Vorhaben erfolgversprechend. Seine Interpretation des Siegreichen Amors, eines Bildes, das in Berlin hängt, soll, so hofft er, zur kunstgeschichtlichen Sensation werden. Albert sieht, durchaus verständlich, in diesem Amor die Möglichkeit, "wie man sich in seiner nackten Knabenhaut auch fühlen konnte: beneidenswert unbekümmert und selbstsicher". Natürlich weiß er, dass alle autobiografischen Bezüge zu diesem Bild für sein Referat keine Rolle spielen dürfen. Immer wieder hockt er sich in die Dahlemer Gemäldegalerie, oft genug mit schläfrigen Augen, die ihm gelegentlich auch mal zufallen.

Vor ihm das ganze Gegenbild seiner Existenz: ein entspannt versonnen lächelnder Junge, nackt und natürlich, mit weit ausgebreiteten Adlerflügeln am Rücken, der auf einem weißen, Falten werfenden Tuch sitzt. Eines Tages, Albert traut seinen Augen nicht, sieht er die Spalte in der Falte, die ungeheuerliche Provokation Caravaggios. Für jeden Betrachter des Bildes tatsächlich sofort einsichtig: "Caravaggio hatte den Faltenwurf des Tuches als weibliche Scham gemalt." Albert sieht sofort die "Provokation", die eine solche Deutung darstellen muss. Behutsam bereitet er, auf einen Dia-Projektor gestützt, seine Argumentation vor, wobei es ihn, noch während er spricht, wundert, dass selbst Begriffe wie "Anus-Vulva-Achse" von seinen Kommilitonen ungerührt aufgenommen werden. Als er sein Referat beendet hat, beginnt der Professor zu reden, holt weit zu motivgeschichtlichen Erörterungen aus, meint dann eher nebenbei, dass die Faltenwurfthese längst zum "Gemeinplatz der Forschung" geworden, die Literatur voll davon sei. Dann bittet er den Studenten in seine Sprechstunde.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service