Diabetes Präsenil durch Übergewicht

Der so genannte Altersdiabetes tritt immer häufiger auch bei Kindern und Jugendlichen auf. Grund ist die zunehmende Häufigkeit von Fettsucht unter jungen Menschen.

Thomas ist 13 Jahre alt und wiegt 143 Kilo. Seit Wochen klagt er über Müdigkeit und ständigen Durst. Ein Piks in den Finger beim Hausarzt ergibt Klarheit: Diabetes mellitus, Zuckerkrankheit. Sein Blutzuckerspiegel liegt bei 327 Milligramm pro Deziliter, als normal gilt eine Wert bis zu 110 Milligramm pro Deziliter.

Wer in Thomas Alter zuckerkrank wird, hat normalerweise einen Diabetes vom Typ 1. Die Bauchspeicheldrüse produziert zu wenig Insulin, ein Hormon, das die Körperzellen für die Zuckermoleküle aus dem Blut öffnet. Doch seit einigen Jahren nimmt der Typ-2-Diabetes, auch als Altersdiabetes bekannt, bei Kindern und Jugendlichen stark zu. Bei dieser Form der Krankheit sprechen die Zellen nicht mehr richtig auf Insulin an - es entsteht eine Insulinresistenz, und meist handelt es sich dabei um eine Folge von starkem Übergewicht.

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Altersdiabetes sei schon immer eine Volkskrankheit gewesen, doch jetzt würden die Patienten in erschreckendem Maße jünger, sagt Eugen Schoenle, Leiter der Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie am Universitäts-Kinderspital Zürich. Natürlich spiele eine genetische Veranlagung für Typ-2-Diabetes eine Rolle, doch die komme nur zur Geltung, wenn das Körpergewicht entsprechend hoch sei. Für diese ungünstige Voraussetzung ist in Deutschland und vielen anderen Ländern der Welt reichlich gesorgt. Es grassiert die Fettsucht unter Kindern und Jugendlichen (siehe Grafik).

Übergewichtige Menschen transportieren zu wenig Zucker aus dem Blut in ihre Zellen. Die Bauchspeicheldrüse versucht, das Missverhältnis durch mehr Insulin auszugleichen. "Irgendwann ist die Bauchspeicheldrüse aber erschöpft, dann steigt der Zucker im Blut an", erklärt Silva Arslanian, Diabetologin an der Kinderklinik der Universität Pittsburgh und Expertin auf dem Gebiet des Typ-2-Diabetes bei Kindern. Die Ärztin berichtet, dass im Laufe der neunziger Jahre Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen etwa zehnmal häufiger geworden sei. Nach Hochrechnungen von Wieland Kiess, Direktor der Leipziger Kinderklinik, gibt es in Deutschland derzeit etwa 5000 Kinder und Jugendliche mit Typ-2-Diabetes. "Früher dachten wir, dass dieses Problem nur in den USA auftritt. In letzter Zeit diagnostizieren wir bei uns jedoch einen neuen Fall etwa alle drei Monate", sagt Kiess.

Sollte sich der amerikanische Trend zum sehr dicken Kind auch in Deutschland fortsetzen, werden Konsequenzen nicht nur schwerwiegend für die Betroffenen, sondern auch teuer für das Gesundheitssystem. Gemäß einer kanadischen Studie, die im Juni auf der amerikanischen Diabetes-Konferenz in San Francisco viele Ärzte schockierte, traten bei Typ-2-Diabetikern, die vor ihrem 17. Lebensjahr erkrankten, frühzeitig Komplikationen auf. Von den 51 nachuntersuchten Patienten hingen fünf wegen Nierenschäden an der Dialyse, eine Frau erblindete bereits mit 26 Jahren, einer weiteren musste eine Zehe amputiert werden, sieben Patienten waren bereits verstorben. "Wenn ein 50-Jähriger Diabetes bekommt und deshalb herzkrank wird, ist das schlimm genug", sagt Kinderärztin Arslanian. "Doch wenn bereits ein Teenager mit ersten Zuckerkomplikationen zu tun hat, sinkt seine Lebenserwartung ganz erheblich." Dazu kommt, dass starkes Übergewicht zusätzliche Probleme wie Bluthochdruck und Störungen des Fettstoffwechsels verursacht. Sie erhöhen das Risiko, an einer Herzkrankheit zu sterben, um ein Vielfaches.

Eine der Ursachen für die Zunahme des Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen hat Primus-Eugen Mullis, Kinderendokrinologe und Diabetologe vom Inselspital Bern, bereits ausgemacht. "Viele Kinder trinken extreme Mengen an Süßgetränken und sitzen stundenlang vor dem Fernseher", klagt Mullis. Eine mexikanische Studie bezifferte das Fettsuchtrisiko: Mit jeder Stunde körperlicher Aktivität sinkt das Risiko, krankhaft dick zu werden, um 10 Prozent, mit jeder Stunde Fernsehen steigt das Risiko um 12 Prozent.

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