Die heimliche Hausmacht

Egal, wer demnächst Deutschland regiert: Die wahren Lenker sind die Beamten. Sie herrschen über Akten und Vermerke, über Ideen und Konzepte. Besuch bei einer unterschätzten Spezies

Berlin

Vor ein paar Tagen war wieder mal das Volk zu Gast. Mehr als 10 000 Menschen strömten in die Berliner Ministerien - zum "Bürgerbesuch". Das Auswärtige Amt präsentierte Marie N aus Lettland, die Gewinnerin des Schlagerwettbewerbs Grand Prix Eurovision 2002. Im Verbraucherministerium durften die Gäste mit dem Extrembergsteiger Hans Kammerlander diskutieren oder dem Alphorn-Ensemble Engiadina lauschen. Das Innenministerium ließ die Diensthundestaffel des Bundesgrenzschutzes antreten.

Anzeige

Zwei Tage lang überdeckten Musik und Klamauk die eigentümliche Stimmung, die sich im Schatten des Wahlkampfes in den Ministerien breit macht. Die meisten Gesetze sind längst geschrieben oder auf die Zeit nach dem 22. September verschoben. Die Beamten reden weniger über Aktenvermerke und mehr über Beförderungen in letzter Minute. Die Betriebsgruppen von Union und FDP bekommen plötzlich Zulauf, beim Mittagessen in der Kantine wird wieder offener über Sympathien für die CSU gesprochen, besonders ambitionierte Beamte melden sich ungefragt bei der Opposition und bieten Hilfe an. Aus den Fachministerien komme auf einmal "Unterstützung von vielen, von denen man lange nichts gehört hatte", erzählt Unionsfraktionschef Friedrich Merz.

FDP-Politiker wie Hermann Otto Solms oder Rainer Brüderle erhalten ähnliche Offerten.

Derweil lässt ein hochrangiger Beamter der rot-grünen Regierung schon einmal die Höhe seiner Pension bei vorzeitigem Ausscheiden ausrechnen - natürlich nur, wie er sagt, weil in der Sommerpause "endlich mal Zeit" für solche Dinge sei. Ein Kollege aus dem Kanzleramt kann in diesen Tagen nicht einmal unkommentiert eine Bücherkiste packen: "Jeder, der vorbeiläuft, fragt, ob das nicht ein bisschen voreilig sei." Ein Minister klagt, aus bestimmten Referaten kämen jetzt nur noch unbrauchbare Vermerke.

Natürlich registriert auch der Beamtenapparat, dass die Hochwasserflut den Kanzler gestärkt hat. Und dennoch: Auf vielen Ministeriumsfluren herrscht Abschiedsstimmung.

Alexander Müller gehört zu jenen, die diese Eilfertigkeit ziemlich unsentimental bestätigen: "Seit drei, vier Monaten landen wichtige Papiere aus unserem Haus ungefähr zeitgleich in unserem Ministerbüro und in den Abgeordnetenbüros der Union." Müller ist Staatssekretär im Verbraucherministerium, seit die BSE-Krise vor knapp zwei Jahren einen Neuanfang in der Agrarpolitik erzwang und Renate Künast Ministerin wurde.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service