Ein Drehbuch ohne Happy End

Skandale und Verluste bringen Amerikas Mediengiganten in Erklärungsnot: Warum gibt es sie eigentlich?

Wenn man einen Schlussstrich unter die übermütigen neunziger Jahre ziehen will, braucht man wohl einen wie Richard Parsons. "Der Bär" nennen sie ihn in der Medienbranche, den wuchtigen, bärtigen Chef von AOL Time Warner, der Leute bisweilen lieber umarmt, als ihnen die Hand zu geben. Parsons ist ein Manager der alten Schule: Er trägt graue Anzüge und Krawatten, und Begriffe wie "konservativ" und "gewissenhaft" gehen ihm schmerzlos über die Lippen.

"Parsons wird die New-Economy-Rhetorik beenden", freute sich die Financial Times, als er im Mai an die Spitze des größten Medienkonzerns der Welt rückte.

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Doch die Sache mit dem Schlussstrich erweist sich schwieriger als gedacht.

Kaum haben die Aktionäre von AOL Time Warner im April einen Rekordverlust von 54 Milliarden Dollar verdaut, muss sich das Management erneut mit Ballast aus den Neunzigern herumschlagen. Diesmal: miese Tricks in der Buchhaltung. Viele Details sind nicht zu erfahren, aber die Börsenaufsicht SEC und die Staatsanwaltschaft suchen offenbar bei der Internet-Tochter AOL nach künstlich aufgeblasenen Umsätzen, erfundenen Werbeeinnahmen - und echten Werbeerlösen, die man den Geschäftspartnern rechtswidrig abpresste. Berichten zufolge sollen außerdem 15 Führungskräfte durch Aktienverkäufe eine halbe Milliarde Dollar verdient haben, kurz bevor der Kurs des Unternehmens in die Tiefe raste. Mit im Honigtopf: die Finger des "Bären".

Bei so viel Aufregung könnte man fast das größte Problem AOL Time Warners vergessen: dass Richard Parsons noch keinen Plan vorgelegt hat, wie er das Wachstum wieder in gewohnte Höhen katapultieren und die beachtlichen Schulden abtragen will. Der Aktienwert seines verzweigten Imperiums - vom Nachrichtenkanal CNN bis zum Wirtschaftsmagazin Fortune, vom Filmstudio Warner Bros bis zum Musikvertrieb Warner Music, vom Internet-Provider AOL bis zu gewaltigen Kabelnetzwerken - ist seit dem Höchststand im Jahr 2001 auf ein Fünftel geschrumpft. Und an das Internet, den "Wachstumsmotor im Kern des Unternehmens" (so AOL-Gründer und Konzern-Chairman Steve Case), glaubt im Augenblick kaum jemand in der Branche. "Die Unternehmen haben keinen überzeugenden Weg gefunden, im Netz Geld zu verdienen", sagt William Solomon von der Rutgers University in New Jersey.

An der gegenüberliegenden Küste Amerikas, in Los Angeles, schlägt sich Michael Eisner mit ähnlichen Problemen herum. Eisner, 60, ist der Chef der Walt Disney Company - und zählt zu den Legenden im US-Business. 1984, als er bei Disney antrat, verhalf er der orientierungslosen Zeichentrick- und Unterhaltungsfirma binnen weniger Jahre zum kometenhaften Aufstieg im Geschäft mit Film, Fernsehen und Disneyland-Vergnügungsparks. Und genehmigte sich dafür neunstellige Jahresgehälter.

Doch inzwischen geht es dem Starmanager Eisner nicht besser als seinen AOL-Kollegen im New Yorker Rockefeller Center: Der Disney-Aktienkurs gehört zu den steilsten Absteigern der letzten Jahre, seit Ende 2000 ist er auf ein Drittel geschrumpft. Eisners Stuhl wackelt. Großaktionäre aus dem Kreis der Disney-Familie, darunter Roy E. Disney, der Neffe des Erfinders der Mickey Mouse, erlauben sich seit Wochen öffentliche Kritik an ihrem Vorstandschef.

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