Elf Minuten, neun Sekunden und ein Bild

Das Filmfestival von Venedig zeigt ein großes Kollektivwerk über den 11. September

Ausgerechnet eine Katastrophe, die von Anfang an reines Bild war, stellt das Kino zurzeit vor eine seiner schwierigsten Aufgaben: Wie kann es sich aus dem hypnotischen Endlos-Loop befreien, mit dem sich der Terroranschlag auf das World Trade Center in unser Hirn gebohrt hat? Dort, im Bereich visuelles Vorstellungsvermögen, hat sich das Ereignis gewissermaßen seine posttraumatische Kammer ausgebaut, einen uneinnehmbaren Panikraum, in dem zwei rauchende Türme zu sehen sind, Bush auf CNN und noch ein paar staubige Feuerwehrmänner. Diesen seltsam erstarrten, geradezu mythisch enthobenen Bildern begegnete Hollywood zunächst mit einem vertrauten Reflex - einem Bilderterror, dessen Strategie der visuellen Überrumpelung letztlich auf Verdrängung hinausläuft.

Auf den Gedankenraum, in dem die Flugzeuge permanent im Abstand eines Schnittes in die Türme krachen, reagierten die Studios mit einer Übersprunghandlung - den beliebigen Bildern eines allzeit bereiten Paranoiakinos, das alles immer schon viel früher und viel schlimmer vorausgeahnt hat. So stellt sich die fiktionale Katastrophe vor die eigentliche und baut um die Panzerkammer noch ein paar gigantische Stellwände herum. Geradezu peripher erscheinen die paar tausend Opfer des Anschlages im Vergleich mit den Top Ten der Kollateralschäden einer neuen Terrorfilmwelle, etwa den Millionen Einwohnern von Baltimore, die in Phil Alden Robinsons Sum of all Fears im nuklearen Feuer verglühen, um eine neue, an der eigenen Untergangsangst erstarkende Nation hervorzubringen. Wer dabei zuerst welche Geister rief, ist längst nicht mehr klar und vielleicht auch egal. Während die Hollywood-Macher erstmals am Konferenztisch mit Pentagon-Mächtigen über apokalyptische Szenarien beraten, scheinen die Grenzen zwischen restriktiver Sicherheitspolitik und der Konjunktur des staatstragenden Katastrophenfilms jedenfalls langsam zu verwischen.

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Durchplapperte Schweigeminute

Gegen die rhetorische und ideologische Aufrüstung eines Hollywood-Genres, das in Kriegs- und Katastrophenzeiten wie Kai aus der Kiste springt, steht die Zurückhaltung des internationalen Autorenkinos. Auf den 11. September reagierte es bisher vorsichtig, mit wenigen Absichtserklärungen und Projekten, lässt sich offensichtlich Zeit für seine Bilderstrategien. Das Zögern, die Ruhe und die kleine Form, dazu der Rückhalt eines Regiekollektivs - es hat eine gewisse Logik, dass die erste wirkliche Autorenäußerung zum World-Trade-Attentat ein Kompilationsfilm ist, der auf dem heute beginnenden Filmfestival von Venedig gezeigt wird. Gedreht von elf Filmemachern, die der französische Produzent Alain Brigand versammelte, besteht er aus elf Episoden, deren schlichter Titel auch eine präzise zeitliche Vorgabe umfasst: 11' 09' 01 - elf Minuten, neun Sekunden und ein Bild.

Kaum einer der elf Regisseure inszeniert am ikonografischen Sog des Ereignisses vorbei. Deshalb brennen auch hier immer wieder die Türme, redet auch hier George Bush, während CNN die Katastrophe um die Welt jagt. Dennoch verbindet alle Beiträge ein vorsichtiger, vermittelter Umgang mit medialen Schlüsselreizen. Wenn der Fernseher läuft, dann stellt man ihn vorsichtig an den Rand oder in den akustischen Hintergrund der Einstellung, einem Gegenstand ähnlich, der noch mit der Erinnerung an einen Verlust behaftet ist.

Am weitesten tritt die junge iranische Regisseurin Samira Makhmalbaf hinter die eingebrannten Eindrücke des Anschlages zurück, um sich ihnen über eine Reihe von Begriffsklärungen wieder zu nähern. Ihr Kurzfilm spielt in einem afghanischen Flüchtlingscamp irgendwo in der iranischen Wüste. Eine engagierte Lehrerin, die ihre Schützlinge erst der mühsamen Arbeit in einer Ziegelei entreißen muss, versucht einem Grüppchen staubverschmierter Kinder zu erklären, dass soeben ein Ereignis von globaler Tragweite eingetreten ist.

Doch fehlen die Maßstäbe, mit denen sich der Anschlag in die andere Erfahrungswelt vermitteln ließe. Welches Leid sollte schlimmer sein als das des Mannes, der neulich in einen Brunnen fiel? Oder das der Tante, von der es heißt, dass sie in Afghanistan gesteinigt wurde? Was ist eigentlich ein Handy, und welcher Turm könnte höher in den Himmel ragen als der Kamin der nahen Ziegelei? Samira Makhmalbafs Beitrag ist ein kleines Lehrstück in Sachen Wahrnehmungspsychologie und der Versuch, den Terroranschlag aus einer semantischen Umrahmung zu befreien, die vielleicht weniger selbstverständlich ist, als wir denken. Am Ende, nachdem die afghanischen Schüler die Schweigeminute wild durchplappert haben, versammeln sie sich mit ihrer Lehrerin unter dem rauchenden Turm der Ziegelei. Eine schöne Geste des Gedenkens, aber auch ein Verweis auf das Unheil, das über eine ganze Region hereinbrechen wird.

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