Engel des Lichts

Zum Jahrestag des 11. September kritisieren auch amerikanische Zeitschriften die Supermacht USA - und ihre Auflagen steigen

Anfang der neunziger Jahre habe ich mich in amerikanische Zeitschriften verliebt. Die Ereignisse damals sind drauf und dran, sich zu wiederholen: Wie heute hatte ein Präsident namens George Bush einen Todfeind, Saddam Husseins Irak

wie heute gehörten eine Menge kriegerischer Patriotismus und ein bisschen Protest zum Zeitgeist. Bilder vom Golfkrieg und Bildschirmexperten, die seine Fortschritte analysierten, beherrschten das amerikanische Fernsehen

Anzeige

die Zeitungen waren randvoll mit der üblichen Mischung aus Information, Desinformation und Meinung. Die Zeitschriften aber folgten ihrer unabhängigen Tradition: Sie hatten schon immer ein Eigenleben und ihre eigenen Debatten mit einem breiten Spektrum aus persönlichen Stimmen und Stilrichtungen. Sie waren ein aufregendes Spiegelbild der Zeit, düster, frivol, eklektisch und leidenschaftlich. Obwohl keine Zeitschrift mit nur einer Stimme sprach, hatte jede ihre eigene, unnachahmliche Identität, jede Ausgabe brachte neue, frische Ideen und frische Texte hervor. Es wurden Geschichten erzählt, und zwar gut.

Die Zeitschriften haben sich ihre Identität bewahrt. Doch wenn man sich die Ausgaben solch unterschiedlicher Blätter wie Vanity Fair, The New Yorker, The New Republic, Harper's und anderer seit dem 11. September anschaut, fällt bald auf, dass sie alle sich verändert haben, und diese Veränderung hat einen gemeinsamen Nenner: eine neue Ernsthaftigkeit der Absichten und ein Bewusstsein dafür, dass der Leser Hilfestellung erwartet. Das sollte man allerdings nicht mit Feierlichkeit oder Humorlosigkeit verwechseln: die Cartoons aus dem New Yorker sind so witzig wie immer, und Vanity Fair verblüfft und amüsiert einen weiterhin mit seiner idiosynkratischen Art von Promi-Ästhetik. Doch auf den luxuriös parfümierten Seiten finden sich jetzt auch regelmäßig Reportagen über Themen wie Terrorismus, Afghanistan, Naher Osten, CIA, dazu Essays und Kolumnen, die die politische und kulturelle Stimmung in den USA ergründen. Das Titelblatt der Dezemberausgabe 2001 war ein gutes Beispiel für diese Mischung

man sah einen lachenden Brad Pitt, den all American-Herzensbrecher, daneben wurden sieben Artikel über ernste politische Themen angekündigt. Die Message war eindeutig: Amerika, symbolisiert durch ein Hollywood-Idol aus dem Bilderbuch, wird diese Krise überstehen. Jede Ausgabe von Vanity Fair hat ein literarisches Motto, das sich, winzig, irgendwo auf der Titelseite verbirgt. Diesmal war es von Mary McCarthy und lautete: Das Happy End ist unser Nationalglaube.

In den Nachwehen des 11. September erklärte Graydon Carter, der 52-jährige Herausgeber von Vanity Fair: Ich glaube, damit ist das Zeitalter der Ironie am Ende. Er bedauerte diese viel zitierte Bemerkung fast sofort: Ich meine damit nur eine Form der selbstgefällig grinsenden Ironie. Als ich ihn fragte, wie sich Vanity Fair verändert habe, sagte er: 85 Prozent der Dezemberausgabe beschäftigten sich mit dem 11. September

im Februar war die Hälfte wieder so wie früher. Es gibt eine verspätete Nachwirkung, aber die Leser wollen eine ausgewogene Mischung aus Unterhaltendem und Ernstem, und für das Ernste gibt es jetzt eine eigene Abteilung mit Reportern.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service