Gefangen im eigenen Land

Von wegen "Europa ohne Grenzen": Wer innerhalb der EU umziehen will, muss tausend Hürden überwinden. Wichtige Jobs bleiben unbesetzt - und die Volkswirtschaft zahlt den Preis

Gerade kam wieder so ein Brief. In dicker Schrift stand "sehr dringend" mitten auf dem Papier, darunter teilt das Gemeindeamt Uccle in strengem Ton mit: "Wir haben festgestellt, dass Ihre vorläufige Aufenthaltsgenehmigung am 26. August ausläuft." Deswegen sei dringend persönlich im Rathaus vorzusprechen. Eine Aufenthaltsgenehmigung für eine Europäerin in Europa, für eine Deutsche in Belgien? Gilt nicht Freizügigkeit für alle Bürger des Kontinents ohne Grenzen?

"Freizügigkeit in Europa? Das ist eine Illusion", sagt Martin Schulz und setzt stirnrunzelnd hinzu: "Da könnte ich Ihnen Geschichten erzählen ..."

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Dann lehnt sich der sozialdemokratische Europaabgeordnete zurück, und die Anekdoten sprudeln: von der Oma, die über die Straße zur Tochter zog - damit auch von Deutschland nach Belgien - und deren deutsche Krankenversicherung plötzlich den deutschen Doktor nicht mehr bezahlte. Oder von der Frau, die plötzlich die Niederlande verlassen sollte, weil sie zum Sozialamt ging. Oder von der Schulklasse aus Westdeutschland, die den nächstgelegenen Zoo besuchen wollte und die ausländischen Kinder zu Hause lassen musste, weil die kein Visum hatten und der Tiergarten in Holland lag.

Schulz kommt aus der Nähe von Aachen. Dort, am Dreiländereck zwischen Belgien, Deutschland und den Niederlanden, sieht man zwar längst keine Zäune und Wachposten mehr, auch Passkontrollen sind Vergangenheit. Dennoch hat der Abgeordnete aus den Erfahrungen seiner Wähler eines gelernt: "Wer von einem Land einfach in ein anderes ziehen will, spürt schnell, wie eingeschränkt seine Freizügigkeit in Wirklichkeit ist." Der Bürger werde Opfer einer "Frechheit der Sonderklasse".

Weil die Regierungen ihre Souveränität nicht aufgeben, ihre Sozialversicherungssysteme nicht anpassen und ihre Vorschriften nicht angleichen wollen, wird aus dem Umzug für viele auch heute noch ein Albtraum.

Tagein, tagaus bricht Europa sein Versprechen gegenüber dem Bürger.

Fachkräfte am falschen Ort

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