Genießen ohne Reue

Endlich daheim: Die Grünen haben sich an die Macht gewöhnt - und deshalb darauf verzichtet, sich gegenseitig zu zerlegen

Berlin

Vier Wochen vor dem Wahlgang sind die Grünen in Hochstimmung. Durch die Flutkatastrophe ist ihr Hauptanliegen, die Umweltpolitik, mit einem Schlag wieder ins Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit gerückt. Auf dem kleinen Parteitag der Grünen in der vergangenen Woche in Berlin berichteten die Delegierten aus den Bundesländern fast ungläubig, wie ihnen an den Wahlkampfständen das Informationsmaterial buchstäblich aus der Hand gerissen werde. Die Wahlkundgebungen sind so gut besucht wie selten zuvor.

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Überhaupt ist die Partei so gut drauf, dass es ihrer Führung schon wieder unheimlich wird. Schließlich soll die heiße Phase des Wahlkampfs doch jetzt erst richtig losgehen. Umweltminister Jürgen Trittin mahnte deshalb: "Das haben wir schon öfter erlebt." Immer wenn Umweltkatastrophen die Leute verängstigten, wuchs den Grünen ein Sympathiebonus zu. In Wählerstimmen hat das aber selten Niederschlag gefunden. Gerade in den östlichen Bundesländern darf der momentane Aufwind für die Grünen nicht überschätzt werden. Die Sorge der Betroffenen in den Hochwassergebieten gilt in erster Linie der Rettung ihrer Existenz. Die Grünen aber landen in ihrer Argumentation immer gleich bei den großen Zusammenhängen, am liebsten bei den globalen Auswirkungen der Klimaerwärmung.

Dennoch: Sieben bis acht Prozent, wie es die Umfragen vorhersagen, wären ein glänzendes Ergebnis für eine Partei, die vor ein bis zwei Jahren schon als "Generationenpartei" abgeschrieben worden war. Der Aufschwung, der sich bereits seit längerem abzeichnet, hat nicht nur mit dem unerwarteten Einbruch der Flut zu tun. Schon vorher präsentierten sich die Bündnisgrünen ungewohnt geschlossen und zuversichtlich. Nie zuvor habe es so wenige interne Differenzen gegeben, meint Programm-Vordenker Ralf Fücks: "Die Partei macht den Eindruck, mit sich im Reinen zu sein." Das "Formtief" aus der Mitte der Legislaturperiode sei überwunden

die Grünen hätten ihre Rolle als Regierungspartei innerlich akzeptiert.

Weniger wohlwollend ausgedrückt: Die Grünen sind stromlinienförmig und regierungsfromm geworden. Auf grünen Wahlveranstaltungen wird deutlich, wie stark sich die Basisaktiven inzwischen mit ihren Bundesministern identifizieren. Beim Länderrat in Berlin feierten die Delegierten Joschka Fischer minutenlang mit einer stehenden Ovation. Den "Vertrag für die Zukunft", mit dem die Grünen die Einhaltung ihrer Wahlversprechen garantieren wollen, verabschiedeten sie ohne Widerrede. Stolz macht sich breit, dass die Partei sich trotz aller Rückschläge und Identitätskrisen vier Jahre an der Macht gehalten hat - und dort auch künftig unentbehrlich sei. Machtgewöhnung tritt an die Stelle der traditionellen Machtskepsis. Sie überlagert die nach wie vor an der Basis spürbare Unzufriedenheit über das langsame, zuweilen kaum merkliche Reformtempo. Rot-Grün und Deutschland als Vorreiter einer globalen ökologischen Umsteuerung, das Land und die Partei als Avantgarde "nachhaltigen Wirtschaftens": sie gehören jetzt zusammen. In einer von den eigenen Leuten mitregierten Republik fühlt der oder die Grüne sich nun endlich daheim.

Wiederkehr des Lagerpathos

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