Grabreden ohne Ende
Eva Geulen verfolgt das ewige Gerücht vom Ableben der Kunst
Seit Hegels berühmtem Diktum, dass wir "darüber hinaus sind, Werke der Kunst göttlich zu verehren und sie anbeten zu können", reißen die Debatten um das Ende der Kunst nicht mehr ab. Merkwürdig daran ist nicht nur der Umstand, dass es weiterhin Kunstwerke (jedenfalls nach landläufiger Meinung) gibt.
Sondern auch, dass die Frage nach der Kunst in den Nachrichten von ihrem Tod fröhlich fortlebt. Die Rede vom "Ende der Kunst" ist deshalb, so Eva Geulen, die an der Universität New York Literaturwissenschaft lehrt, ein "Gerücht".
Allerdings ein produktives, denn erst mit der Verabschiedung von der überholten, erschöpften oder schlichtweg falschen Kunst werden die Konturen der wahren Kunst sichtbar. Das gilt besonders für die Philosophen, die sich im Anschluss an Hegel darin überbieten, die Künste ihrer Zeit zu Grabe zu tragen, um sie dann in einer idealen Vergangenheit, besseren Gegenwart oder utopischen Zukunft wieder auferstehen zu lassen. Es wäre hoch interessant gewesen, den historischen Überbietungsfuror, der die philosophische Ästhetik seit der Aufklärung kennzeichnet, unter dem Aspekt des Kunstfinales nachzuerzählen.
Leider geht Eva Geulen einen anderen, weitaus unergiebigeren Weg. Sie unterzieht Texte von Nietzsche, Benjamin, Adorno und Heidegger einer "Diskursanalyse", um "Einblick in die Regeln des Spiels" zu gewinnen, mit denen die Autoren die Kunst am Leben erhalten, indem sie ihr Finale auf jeweils verschiedene Weise einläuten: als Auflösung des Tragischen, Zerfall der Aura, Vergesellschaftung des Kunstwerks und Stiftung eines neuen Ursprungs. Die Quintessenz der oft mühsamen, rein immanenten Textlektüre ist ernüchternd: Wo das Ende der Kunst philosophisch wiederholt wird, findet, schreibt Geulen, "eine Freisetzung des Endes in seine endlosen Möglichkeiten" statt: "Was bleibt, ist weitermachen."
Das magere Fazit des Buches liegt nicht nur an der diskursanalytischen Lesart philosophischer Texte, die angesichts des schwierigen Themas zu wenig tragfähige Unterscheidungen liefert. Es resultiert aus der Wiederholung eines Grundmankos der Kunstphilosophie selbst, ihrer fehlenden Auseinandersetzung mit dem konkreten Phänomen des Kunstwerks. Kein Wort zur modernen Kunst, zu Klee, Cézanne oder van Gogh, geschweige denn zur niederländischen Genremalerei, der Hegel die Verklärung der "Prosa des Lebens" zusprach. Und damit auch keine Antwort auf die von Arnold Gehlen aufgeworfene Frage, ob der Erfolg der zeitgenössischen Kunst nicht letztlich doch auf einer "ungeheuren Produktion bei schon erloschenem Gehalt" beruht.
Eva Geulen: Das Ende der Kunst
Lesarten eines Gerüchts nach Hegel
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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