Grazie
Zum 80. Geburtstag des Literaturwissenschaftlers Peter Wapnewski
Doch, das gibt es: Eleganz im Kopf. In dieser unserer Schmatz-, Schlabber- und Schlurfwelt war und ist Peter Wapnewski ein Fremder. Er hat das Disparate zusammengefügt: Gesinnung und Gesittung. Das ist das Herausragende an seiner Lebensleistung. Sie stellt - beharrlich, kompromisslos - das Gesetz des Ästhetischen immer aufs Neue aus - in jeglicher Analyse des Dichterischen, von Gottfried von Straßburg über Hölderlin bis zu Peter Handke: so leise wie genaue Wertbemessungen. Doch nie und nirgendwo verharrt seine interpretatorische Energie im bloßen Wahrnehmen und Abschmecken der Form - nicht in seinen Büchern über Richard Wagner, nicht in seinen literarischen Essays, nicht in seinen nur scheinbar leichtfüßigen, in Wahrheit profunden Vorträgen. Daher das Wort Gesittung. Peter Wapnewski ist ein Lehrender, dessen höchstes Maß das Humanum ist. Die Gleichung "Form = Manier = Moral" hat er perfekt ausbalanciert.
Den selbst gewählten Auftrag des Universitätslehrers hat er einmal in einer autobiografischen Skizze charakterisiert: "Humboldts Bildungskonzept, wie es auf die bestmögliche Weise zu verwirklichen die Universität den Auftrag hat, bestimmt sich durch die leidenschaftliche Überzeugung, dass in höherem Maße seine humanen Möglichkeiten erfülle, dass in vollkommenerem Maße ein geistig-moralisch-politisch gebildeter, geformter Mensch werde, wer die gelehrt-ästhetische Erziehung durchlaufen, wer einmal teilgehabt habe an der Erforschung eines der wissenschaftlichen Ergründung würdigen Gegenstandes."
Dieses Leuchtsignal ist deutlich Peter Wapnewskis Suchlaterne geworden, mit der er sich den Weg bahnte durch die Märchenwälder mittelalterlicher Dichtung, durch den Mythendschungel von Richard Wagners Musikdramatik, durch den Hexentanz des Abakadabra unserer Moderne. Damit ist er ein bedeutender Lehrer geworden - weil er uns das Werkzeug zur Spurensuche in die Hand gegeben hat. Dass die Suche nach dem Schönen Mühe bedingt und dass diese Mühe nie je dazu führen wird, das Rätsel Kunst ganz zu lösen - ein vielbändiges Werk des Jubilars legt Zeugnis davon ab. Nie hat er uns das Werk - ob Nibelungenlied, ob die Lyrik des Wolfram von Eschenbach - schleckrig gemacht
noch in seinen jüngsten öffentlichen Darbietungen auf CD-Kassetten, lernendes Vergnügen bereitend, ist er gleichsam Adornos Diktum gefolgt: "Wahr sind nur solche Kunstwerke, die sich selber nicht verstehen."
In Peter Wapnewskis ästhetischer Be-Deutung nistet ein zutiefst politischer Impetus. Der Mann hat Geschmack - er ist nicht geschmäcklerisch. Der Mann ist ein Stilist von Graden - er ist kein gradwippender Wortdrechsler. Er ist Materialist. So gewiss er ein Etikett "Marxist" oder "Historischer Dialektiker" von sich weisen würde, so wenig er sich wohl verdingen könnte als Redenschreiber für Politiker jeglicher Couleur: Er hat in all den gloriosen Textuntersuchungen drängend klar gemacht, welcher "gesellschaftliche Untergrund" es je ist, dem ein Werk sich dankt: "Hingegen macht Walthers Dichtung es mehr als einmal deutlich, dass er zum Tisch der Herren nicht zugelassen wurde ... - wie die Gaukler und Mimi, Märchenerzähler und Feuerfr esser, Tänzerinnen und Schwertschlucker, nicht im Brot stehend, sondern angewiesen auf Laune und Mildtätigkeit der Gönner
und das heißt: darauf angewiesen, zu bitten und zu klagen und zu mahnen und zu drängen."
Erst von hier aus können wir, nein: dürfen wir beginnen, uns das Bild zusammenzusetzen, zu dem sich schließlich das Fresko-Tableau fügt, das uns der von der Vogelweide hinterlassen hat. Es kostete wenig Mühe, an unendlich vielen Details der Arbeit dieses bescheiden Hochmütigen nachzuweisen, wie Peter Wapnewski uns Fährten und Schneisen weist, wo der Verrat lauert, welchen Wert ein Eid, welche Kraft der Bindung ein Geschenk, ein Schild, ein Schwert hatte, warum Hoffahrt oder Knechtsinn ins Verderben führten: kurzum das ganze Geflecht gesellschaftlicher Verpflichtungen, Brüche und Lügen - über denen sich dann die hohen Himmel jener Wortparadiese wölben.
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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