Haargenau

So hat man eine verpuppte Raupe noch nicht gesehen: als schwarzen Tintenklecks, auf weißem Karton vom Finger Eva-Maria Schöns zu einem Gebilde verwischt, das die Fotografie einer Raupe sein könnte oder ein Haar unterm Mikroskop. Mit ihrem Werk Handvokabular will die Künstlerin nicht nur das Kleine im Großen und das Große im Kleinen erfassen, sondern auch einer Gesetzmäßigkeit ihrer Schöpfungen auf die Spur kommen: So oft sie einen Tintenklecks auch verwischt: nie entstehen daraus identische Tintenraupen, wie auch in der Natur kein Haar einem zweiten, kein Ei einem anderen gleicht.

Wir versuchen, Natur technisch zu reproduzieren, und suggerieren uns, sie zu beherrschen - und unterliegen als Naturwesen doch ihrer Dynamik. Das ist der Anfang und zugleich das fast tröstliche Ende der als Rundgang angelegten Ausstellung Nach der Natur in der Berlinischen Galerie im Kunstforum der Grundkreditbank in Berlin (bis 27. Oktober). Denn bevor man zur Einsicht der Tintenraupen zurückkehrt, begegnen dem Besucher die dunklen Seiten menschlicher Naturbeherrschung. Skulpturen, Fotografien, Videos und Bilder ringen mit der allgegenwärtigen Rationalisierung unseres Naturverhältnisses

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in ihnen ist der intuitive künstlerische Zugriff auf Natur unterdrückt und von Theorie und Abstraktion ersetzt. Ausnahmen sind selten, etwa die köstlichen Ornithologischen Notizen von Nanne Meyer, die einen naturgeschichtlichen Bibliothekskatalog illustriert und zeigt, wie absurd es ist, die Natur festlegen zu wollen.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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    • Schlagworte Kulturbetrieb | Fotografie | Natur | Rationalisierung | Berlin
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