Heimvorteil
Warum die Tage nach dem Urlaub und vor dem Arbeitsbeginn die schönsten Tage des Jahres sind
Dirk hatte seinen Rückflug aus Spanien exakt so gebucht, dass er mit der S-Bahn vom Flughafen ins Büro fahren konnte. Er trug noch Shorts und Teva-Sandalen, als sich sein Abteilungsleiter vor ihm aufbäumte, um ihn wegen eines Programmierfehlers zu ermahnen. Die Bräune auf Dirks Zehen wich in diesem Moment einer winterlichen Blässe. Und Dirk bereute bitterlich, dass er seinen ehernen Grundsatz außer Acht gelassen hatte. Den Grundsatz, nach einem Urlaub zwei, drei freie Tage zu Hause zu verbringen. Nicht nur, um sich auf den Betriebston vorbereiten zu können. Die Brückentage zwischen Ankommen und Wieder-Arbeiten sind die besten Tage des Jahres überhaupt.
Die Wohnung, in die wir zurückkehren, riecht ein bisschen muffig. Aber sie ist ungewohnt aufgeräumt, weil wir immer aufräumen, bevor wir fahren, für den Nachbarn, der unseren Ficus gießt. Und weil wir die vergangenen Wochen in engen Hilton-Zimmern oder Zweimannzelten verbracht haben, kommt sie uns größer vor, als bei der Abfahrt. Plötzlich fallen einem Ecken auf, die man ein Jahr lang nicht gesehen hat. Es ist wie einmal Decke umdrehen in einer heißen Sommernacht. Es ist, als dürfte man mit allem noch einmal neu anfangen. Mit den Einkäufen zum Beispiel. Der Kühlschrank ist leer, bis auf den Senf und ein Glas Kapern. Die Abwesenheit von ranziger Margarine lässt uns davon träumen, dass wir von nun an das ganze Jahr über Dinge essen werden, die mindestens so lecker sind wie das Menü in der Altstadt von Genua.
Nach Fernreisen ist es besonders schön, durch einen klimatisierten Supermarkt zu laufen. Durch unseren Supermarkt, aber nach fünf Wochen Thailand sehen wir ihn mit veränderten Augen: Was es da alles gibt. Wie angenehm kühl es ist.
Schön, dass man das alles essen darf.
Wer den Kühlschrank gefüllt, den Sand aus den Zehen gepult und die im Süden erstandenen Töpferwaren verstaut hat, hat erst einmal nichts zu tun. Wirklich gar nichts. Das Wäschewaschen kann warten, denn man benötigt jetzt andere, wärmere Kleidung als die aus dem Urlaub. Man ist nicht einmal, wie an gewöhnlichen Wochenenden, dazu verpflichtet, sich zu entspannen, mal etwas anderes zu machen. Weil man eben das ja gerade zwei Wochen lang fleißig versucht hat.
In diesen Tagen meldet sich niemand. Außerhalb des engsten Familienkreises weiß niemand, dass wir zurück sind. Freunde speichern Urlaubsdaten in Wochen, nicht in Tagen. Das Telefon schweigt, und es ist ein gutes Schweigen. Niemand will mit uns Kaffee trinken gehen und niemand will uns das Kaffeetrinken wieder absagen. Wir warten, ganz ausnahmsweise, auf nichts.
Wenn man lange genug weg geblieben ist und ein bisschen Glück hat, hat sich ein kleiner Stapel angenehmer Post angesammelt. An allen anderen Tagen des Jahres heften wir schöne Postkarten eilig an den Küchenschrank, und unschöne entsorgen wir gleich. Jetzt lesen wir Ansichtskarten von der ersten bis zur letzten Zeile, der Blick folgt jedem handschriftlichen Pfeil, und im Bedarfsfall lösen wir die viel zu große senegalesische Briefmarke ab, um herauszufinden, wer da neben der Schwester noch unterschrieben hat.
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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