Im Krebsgang
Es war einmal, da sprachen Rechte wie Linke aus innerer Überzeugung oder auch nur, weil ihnen die wirtschaftlichen Verhältnisse im deutschen Kummerland keine andere Wahl ließen: "Ohne Einwanderer verspielen wir unsere Zukunft!" Da die besten Köpfe dieser Welt aber um die Bundesrepublik einen großen Bogen schlugen und schnurstracks nach Amerika oder Großbritannien strebten, entschlossen sich die Deutschen, mit einem neuen, modernen Regelwerk fette Köder auszuwerfen. Möglichst unbürokratisch, auch darin waren sich Union und Sozialdemokraten einig, wollte man hoch qualifizierte Wissenschaftler, Techniker und Experten an Land ziehen - auch dann, wenn nicht alle schon vor ihrer Einreise einen Arbeitsplatz hätten. Diese Besten, so lautete das überzeugende Kalkül, werden sowieso Karriere machen und nebenbei noch manchen Deutschen in Lohn und Brot bringen.
Doch je näher der Wahltag rückte, desto ängstlicher wurden die Parteien. Am Ende kniff die Union, und Rot-Grün wagte nur einen kleinen, äußerst vorsichtigen Schritt. Immerhin erlaubt künftig ein kompliziertes Punktesystem die Einwanderung einer klitzekleinen Zahl von Hochbegabten auch ohne ein konkretes Jobangebot - vorausgesetzt, jeder Einzelne bringt genug Geld zum Leben mit, und die Bundesanstalt für Arbeit stimmt grundsätzlich zu. Doch selbst das geht Bayerns Innenminister Günther Beckstein zu weit. Im Falle eines Wahlsiegs von CDU und CSU will er diese Regel sofort streichen. Es lebe der kleine Unterschied!
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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