Im entseelten Süden
Zwischen Liebesgeschichte und hartem Cop-Film: In Marc Forsters "Monster's Ball" entkommt ein Vater dem Generationenfluch der Gewalt
Eine Männerfamilie aus dem Bilderbuch des Teufels. Großvater, Sohn und Enkel Grotowski - drei Generationen von Wärtern im Staatsgefängnis von Georgia. Gemeinsam setzten sie die Welt ihres Berufes auf einer kleinen Ranch fort. Familie als Knast, als verlorene und verworfene, frauen- und lieblose Zwangsgemeinschaft. Sind es ansonsten die Jüngsten, die im Kino gegen die Altvorderen aufbegehren, wohnen wir in Monster's Ball der völlig unerwarteten éducation sentimentale eines Vaters bei.
Die Berührung, die Nähe zu Frauen, schildert der junge Schweizer Regisseur Marc Forster zunächst in einer Szene äußerster Kälte, die in ihrem Schweigen alles über die Trostlosigkeit dieser Welt zu sagen scheint: Eine blonde Prostituierte besucht den jüngsten Grotowski und offeriert fast wortlos ihre Dienste, mechanisch, clean, rasch und emotionslos. Rubber soul. Und dennoch scheint sie die Einzige zu sein, die andeutungsweise ein Gespür für den jungen Mann und das Generationengewicht, das auf ihm lastet, entwickelt.
Später, nach Sunnys Tod, wird sie seinen Vater Hank (Billy Bob Thornton) besuchen und sich ahnungslos nach dem Jungen erkundigen. Die beiläufige Frage verleidet ihm den Sex, stattdessen übergibt er sich. Doch ist dieser Selbstekel fast so etwas wie ein erstes Erkennen, ein körperlicher, vorsprachlicher Aufruhr, das erste Aufbrechen einer hartherzigen Seele. Mit Staunen können wir verfolgen, wie das verschlossene, erstarrte Gesicht von Billy Bob Thornton im Laufe dieses Films weichere, empfindsame Züge hervortreten lässt.
Monster's Ball ist ein Film wie eine Schachpartie. Düster und bedrückend die Eröffnung. Weiß gegen Schwarz. Der erste Schauplatz: der Todestrakt des Staatsgefängnisses. Hank Grotowski (Thornton) ist damit befasst, die Hinrichtung eines schwarzen Häftlings vorzubereiten. Nicht der kleinste Missgriff darf den unerbittlichen Ablauf stören. Sunny, selbst Wärter wie sein herrischer und verschlossener Vater, soll mit seiner ersten Hinrichtung Härte und Männlichkeit als reaktionären Initiationsritus hinter sich bringen.
Und er versagt. Nicht zuletzt, weil der Todeskandidat ihn rührt - mit den Porträts, die er von ihm und seinem Vater in der Todeszelle anfertigt und den beiden zum Abschied schenkt. Auf dem Gang zur Hinrichtung bricht Sunny zusammen, wofür er, nach der qualvollen Exekution, von seinem Vater auch noch verprügelt wird. Die Bestialität der Exekutive frisst ihre eigenen Vollstrecker. Hank, der Niggerhasser ganz nach dem Vorbild seines eigenen senilen Vaters, quittiert den Dienst. Die Schmach, die der Sohn ihm durch seine menschliche Regung angetan hat, hat das Ritual ins Wanken und seine Berufsehre um ihren Sinn gebracht.
Die Interpunktion des Blickes
Väter und Söhne oder die Gewalt als Generationenerbe - die Beklemmung und heillose Verlorenheit einer perversen familiären Situation wird noch gesteigert durch immer wieder einschlagende Pausen. A beat - Pause beziehungsweise Schweigen - heißt bezeichnenderweise die Notation in den Drehbüchern, die in Monster's Ball ausführlich genutzt wird. Wie eine Fermate. Als suche sich die aus der Lieblosigkeit hervorgetretene Infamie immer neue Atempausen, Gedankenstriche, nur um mit noch größerer Wucht nachzusetzen. Das Kino von Marc Forster unterläuft mit diesen Interpunktionen, die manchmal nur aus einem Seufzen, einem Blick oder einem Atmen bestehen, die heute übliche, gehäckselte Szenenökonomie auf sehr nachhaltige Weise.
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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