Ist er schon drin?
Bei einer brasilianischen Präsidentschaftswahl hatte vor einigen Jahren eine kleine Partei, nennen wir sie Partei der freien Bürger, eine geniale Idee: Um die potenziellen Nichtwähler Brasiliens für sich zu gewinnen (vor allem Menschen, die das Lesen und Schreiben nur in Ansätzen beherrschen), verteilte sie Hundertausende von ausgefüllten Musterwahlzetteln. Auf den Zetteln war die Partei der freien Bürger dick angekreuzt, und hinter den Namen aller anderen Parteien standen Kommentare wie no oder nononono! oder sogar nononononono!!! Meisterhaft aufs Wesentliche verknappt, begegnet uns die brasilianische Didaktik jetzt im beschaulichen Hamburg wieder. Auf Plakaten der Jungen Liberalen (Julis) sieht man eine Frau, die sich den kleinen Finger der linken Hand zwischen die Lippen schiebt. Über dem Kopf der jungen Liberalen steht sehr groß "Steck ihn rein" und ganz klein "Am 22. September.
Bundestagswahl". In der rechten Hand hält die Frau einen Stimmzettel für Schwerstkurzsichtige, auf dem nur drei Buchstaben stehen, FDP, und daneben ein angekreuzter Kreis. Die Aktion richtet sich an Erstwähler, die in Hamburger Juli-Kreisen offenbar das repräsentieren, was den brasilianischen Wahlstrategen die Analphabeten waren. Indes, die Julis wollen für ihre Judos (jungen Doofen) nur das Beste: Man solle, so schreiben sie auf ihrer website (www.steck-ihn-rein.de) auf keinen Fall "den Spinnern vom linken oder rechten Rand" die Wahl überlassen. Sondern, so ergänzen wir, den Spinnern, die schon tief drinstecken - in der deutschen Mitte. Vor allem wollen die jungen Liberalen übrigens "mehr Bildung und Ausbildung". Ist dagegen irgendwas zu sagen? Nonononono!
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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