Janus auf dem Medienmarkt
Die WAZ will sich bei Springer einkaufen - eine rote Verschwörung?
Sie saßen auf billigen Stühlen. Darauf saßen sie den ganzen Montag. Dann verließen sie den Besprechungsraum in der Essener Friedrichstraße, ohne einen Vertrag zu unterzeichnen.
So nüchtern kann es zugehen, wenn über die Zukunft des größten deutschen Zeitungsverlags verhandelt wird. Über Meinungsvielfalt und Medienmacht.
Die Verleger der WAZ-Gruppe, benannt nach ihrer Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, versuchen derzeit, 40 Prozent am Axel Springer Verlag zu erwerben. Zum Verkauf stehen die Anteile, weil ihr Besitzer Leo Kirch ruiniert ist. Seinen Filmrechtehandel und seine TV-Sender (ProSieben, Sat.1) hat er längst an einen Insolvenzverwalter abgegeben.
Gleichzeitig erhielt er eine kurze Frist, um die Springer-Aktien zu verkaufen. Gelingt ihm das bis Anfang September, bekommt er eine Provision und ist seine Schulden bei der Deutschen Bank los.
Also war Kirch-Intimus Dieter Hahn am vergangenen Montag nach Essen geeilt und verlangte im Auftrag seines Herren mehr als eine Milliarde Euro. Doch auf der anderen Seite des Tisches boten die WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach und Lutz Glandt nicht einmal 800 Millionen Euro.
Aus dem Umkreis der Unterhändler ist zu hören, dass die Essener fürchten, Springer werde noch lange Verluste schreiben. Griffen sie zu, müssten sie die Finanzierungskosten für das Aktienpaket aus eigenen Gewinnen bezahlen, nicht aus Überschüssen von Springer. Deshalb sei eine Milliarde zu viel. Bisher gibt keine Partei nach, und die Presselandschaft bleibt, wie sie ist: Springer, der größte Zeitungsverlag, und der Branchenzweite, die WAZ, gehen getrennte Wege. Bis zur nächsten Verhandlungsrunde.
Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg warnt vor dem Zusammenschluss: Die Verlage würden rund 30 Prozent des deutschen Zeitungsmarktes kontrollieren, "einen publizistischen Block" bilden. Springer gibt Bild und Bild am Sonntag heraus, hinzu kommen die Welt, die Welt am Sonntag und das Hamburger Abendblatt. An der Rostocker Ostsee Zeitung, der Leipziger Volkszeitung, den Kieler Nachrichten und den Lübecker Nachrichten ist der Konzern beteiligt. Die WAZ-Gruppe verlegt außer der WAZ auch die Neue Ruhr Zeitung, die Westfalenpost und die Chemnitzer Freie Presse.
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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