Endlich hat auch Horumersiel sein eigenes Wetter. Bis jetzt bezog das Kurbad an der friesischen Nordseeküste seine Prognosen vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Doch dessen nächste Messstation steht im knapp 40 Kilometer entfernten Oldenburg, und wettertechnisch können zwischen den beiden Orten Welten liegen: Regen in Oldenburg - Sonnenschein am Badestrand. "Wir haben uns oft gewundert, warum bei strahlendem Wetter keine Gäste da sind", erzählt Kurdirektor Reinhard Thomssen. Dann wurde ihm klar: "Der Wetterbericht für unser Gebiet hat einfach nie gestimmt." Für einen Badeort, der an guten Tagen bis zu 30 000 Tagesgäste empfängt, ein Problem.

Als Notlösung griff man in der Kurverwaltung allmorgendlich zum Telefonhörer und gab den Radiostationen persönlich das Wetter fürs Wangerland durch. Seit vergangenem Sonntag ist Schluss mit diesem Provisorium: Das Städtchen ist zur privaten Konkurrenz des DWD übergelaufen und hat die 421. Station des Wetterunternehmers Jörg Kachelmann eröffnet. Dank Kachelmanns Meteomedia AG können die Tagesgäste ab sofort im Internet und sogar im Wetterticker der Tagesthemen prüfen, ob sich die Anreise lohnt. "Die 12 000 Euro für die Wetterstation sind für uns eine Investition in die Zukunft", hofft Thomssen.

Solche Worte hört der eloquente Schweizer Wetterunternehmer und TV-Moderator Kachelmann gern. Sie passen in das Bild, das er seit zwölf Jahren von sich zeichnet: das Bild vom kleinen Wetter-David, der den Kampf gegen den Goliath DWD aufgenommen hat, beseelt von dem hehren Ziel, dem Volk besseres Wetter zu bringen. "In Deutschland wissen viele Menschen nicht, wie gut man Wettervorhersagen machen könnte", sagt Jörg Kachelmann. "Die Leute denken, dass es immer nur ,teils heiter, teils wolkig' gibt." Doch das werde sich nun, dank ihm, ändern.

Hinter dem öffentlichkeitswirksam inszenierten Zwist steckt allerdings mehr als nur der Streit zwischen dem telegenen Selbstdarsteller und einer angeblich verschlafenen Behörde. Es geht um handfeste wirtschaftliche Interessen: Wem gehört das Wetter? Wer darf daran verdienen? Dahinter steckt die wissenschaftliche Frage: Wie genau lässt sich das Wetter der nächsten zwei, drei oder gar fünf Tage prognostizieren? Und es geht nicht zuletzt um die Sicherheit der Bevölkerung: Hätten die Unwetter, die zur jüngsten Flutkatastrophe geführt haben, früher vorhergesagt werden können - mit der Folge, dass Milliarden an Werten oder gar Menschenleben gerettet worden wären?

Kachelmann hatte keine Skrupel, die Elbflut als Argument in seinem Kreuzzug einzusetzen. Die Wassermassen hatten noch nicht Lauenburg erreicht, da trat der Wahl-Schweizer mit dem Vorwurf an die Öffentlichkeit, der DWD habe wieder einmal viel zu spät vor einem dramatischen Unwetter gewarnt. Die Jahrhundertflut hätten die amtlichen Wetterexperten genauso unterschätzt wie im Februar den Orkan Anna, der in Hamburg zwei Menschenleben kostete, oder das Unwetter, das im Juli ausgerechnet ein Jugendcamp der Feuerwehr durcheinander wirbelte und ebenfalls zwei Tote forderte.

Da brach beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach der Damm der bisherigen Zurückhaltung. Gegen diese "Hetzkampagne", so gingen in der DWD-Zentrale die Wogen hoch, erwäge man eine Klage wegen übler Nachrede. Der Präsident der Behörde, Udo Gärtner, versuchte gar in der Johannes B. Kerner Show per Live-Schaltung Kachelmann Paroli zu bieten. Doch der steif argumentierende DWD-Beamte konnte gegen den redegewandten und quirligen Wetterunternehmer nicht recht überzeugen. Wieder einmal wurde das Klischee bestätigt: hier der träge Beamtenapparat, da der innovative Wetterunternehmer.

Fasziniert vom "Wetterporno"