Klingeldrogen

Gerne behaupten Ärzte, sie wollten nur selbstlos helfen. Läuft ihnen dann aber so ein richtig vertrackter Fall über den Weg, kriegen sie Augen wie eine Mücke beim Anblick einer prall gefüllten Vene.

Zum Beispiel bei dem Mann, den schwere Verstopfungen, ständiger Druck auf der Blase und vor allem ein Kribbeln in Händen und Füßen rasend machte. Nein, er habe keinen Alkohol getrunken, auch vom Fixen halte er nichts. Nur ein paar Joints genehmige er sich ab und an. Die Kernspintomografie aber zeigte, dass die Nerven in seinem Rückenmark degenerierten, dass eine toxische Substanz am Werk sein musste.

Die Ärzte bohrten weiter, und der Patient gestand, er stehe auf Lachgas. Seit 20 Jahren verpasse er sich täglich mithilfe eines modifizierten Schlagsahneaufschäumers Marke iSi Creme Whipper seine Dosis. 50 Lachgaskartuschen täglich. Weil die Dröhnung in den Ohren klingelt, nennt die Szene die Praxis lautmalerisch nanging. Das Problem mit der Klingeldroge ist nur, dass sie die Vitaminversorgung empfindlich stört. Besonders das nervenwichtige Vitamin B12 kommt nicht mehr an seinen Bestimmungsort, und dann kribbeln die Gliedmaßen. Nach einigen B12-Spritzen war der Lachgasabhängige wiederhergestellt. Und die Ärzte hatten endlich wieder etwas zu erzählen.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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